Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
2001
"Auszug der Bilder" aus der Kirche
   

2001
Der Spezial-Tieflader brachte die Bilder in die neue Pinakothek nach München
  Die Riesengemälde 

Erschienen am 15.10.2001 in der Mainpost Lohr

Text und Bilder von Josef Laudenbacher, Karbach
Seite erstellt am 07.07.2005

 

 

"Gastspiel" geht nach 81 Jahren zu Ende

 

Neustadt: Nach 81 Jahren ist die Zeit der Leihgabe vorbei: Zwei imposante Gemälde verlassen die Neustädter Pfarrkirche St. Michael und Gertrud in Richtung München.

 

Als die beiden Gemälde jüngst zur Sicherung der noch vorhandenen Substanz abgenommen wurden, konnte ein Restauratoren-Konservatoren-Team der Bayerischen Gemälde-Sammlung und des Dörner-Institutes der Neuen Pinakothek in München feststellen, dass diese Gemälde genau vor 81 Jahren, am 9. Oktober 1920 via "Station München" mit der Deutschen Reichsbahn nach Neustadt am Main transportiert worden waren. Diese Erkenntnis gewannen die Verantwortlichen durch Aufkleber an der Rückseite der beiden Gemälde.

 

Nun, nach 81 Jahren, ist die Zeit der Leihgabe an die Neustädter Pfarrei erstmal vorbei. Unter großem Sicherungsaufgebot ging die wertvolle Fracht mittels Tieflader nach München in die Neue Pinakothek.

 

Kaum vermisst werden die beiden Gemälde wohl von Kirchenbesuchern und auch den Neustädtern, die von den Kunstwerken zwar wussten, sie aber kaum mehr wahrnahmen, weil sie auf der Rückseite des Chores, in zirka sechs bis sieben Meter Bildunterkante hingen. Ohne größere Beteiligung der Bevölkerung ging der Abtransport über die Bühne.

 

Erst durch die geplante Erstellung eines Kataloges der bekanntesten Maler des 19. Jahrhunderts, wurden die Experten der Bayerischen Gemäldesammlung in München auf die beiden Gemälde in Neustadt aufmerksam. Oberkonservator Konrad Laudenbacher hatte die Werke vor Ort im Frühjahr untersucht, und hatte einen katastrophalen Erhaltungszustand festgestellt.

 

Immense Ausmaße

Im nördlichen Teil des Chores hing das Bild von Heinrich Maria Hess "Die Einsetzung des Abendmahles". Um 1862 entstand das Werk mit den immensen Ausmaßen von 405 mal 590 Zentimetern. Südlich hing das Gemälde von Johann von Schraudolph "Christus heilt die Kranken", ebenfalls Öl auf Leinwand. Stattlich auch seine Maße von 360 mal 525 Zentimetern, voll signiert vom Künstler im Jahre 1862. Beide Bilder sind im Stil der Nazarener gemalt.

 

Die großen Leinwandgemälde hingen auf feuchten Wänden und zeigen entsprechende Verfallserscheinungen, wie starke Schüsselbildungen mit Farbablösungen und Krepierungen in der Mal- und Firnisschicht. Eine genaue Schadensanalyse und die sich daraus ergebenden Konservierungs-, beziehungsweise Restaurierungskosten lassen sich erst in München nach gründlicher Untersuchung feststellen. "Zu groß waren in den vergangenen 81 Jahren die klimatischen und Feuchtigkeitsunterschiede in der Neustädter Pfarrkirche, die so ihre Spuren hinterlassen haben", erklärte Oberkonservator Rainer Schömann.

 

Schätzwert 250.000 Mark

Der Wert der beiden Gemälde wird auf rund 250.000 Mark geschätzt. Besonders der Zustand von Schraudolphs Werk ist äußerst zerbrechlich. Das Gemälde weist einen zirka 15 Zentimeter langen Riss auf, außerdem lose und aufstehende Farben. Besonders schlecht ist der Zustand am unteren Bildrand und im Bereich der Christusfigur. Auch die Verfassung von Heinrich Heß' Werk ist äußerst fragil. Ein großer vertikaler Riss und lose Farben zeigen sich auch hier.

 

Die großen Schäden wurden erst richtig sichtbar, als eine Transportfirma mit Hilfe von Arbeitern der Pfarrei und des Konservatoren-Teams aus München die riesigen Bilder über Gerüste und mittels Flaschenzügen von den Wänden abnahm, aus ihren Rahmen entfernte und genauer untersuchte.

 

Nach jüngsten Recherchen in München stellte sich heraus, dass König Ludwig I. beide Gemälde für die Münchner Pinakothek in Auftrag gegeben bzw. erworben hatte. Sie hingen dort bis zur Verleihung nach Neustadt.

 

Neuartige Transportkonservierung

Oberkonservatoren und Restauratoren sicherten die wertvollen Gemälde für den Transport nach München eigens mit dem neuartigen Bindemittel "Cylodo Adecan", das zusammen mit Gazeflächen auf die beschädigten Teile und Flächen der Gemälde aufgetragen wurde. Dabei mussten sich die Restauratoren mit Atemmasken schützen. Je nach Temperatur und Feuchtigkeitsmasse verflüchtigt sich die aufgetragene Masse nach einigen Tagen, die Gaze fällt ab und die großflächigen Gemälde mit einmal 18,90 und 23,95 Quadratmeter stehen dann zur Bestanderhaltung bereit.

 

Darüber hinausgehende Restaurierungs-Arbeiten, wie Reinigen, Fehlstellen ergänzen, Risse flicken und nachmalen im gesamten Spektrum wird es in diesen beiden Fällen zumindest vorerst wohl nicht geben. Sicherung ist vorrangig. Für aufwändige Restaurierung stehen momentan auch kaum finanzielle Mittel zur Verfügung.

 

Kircheneingang eigens vergrößert

Dunkel war's noch, und Nebel hatte sich über Neustadt gelegt, als Helfer mittels Trageriemen die großformatigen Bilder durch den Kircheneingang schafften, der eigens dafür vergrößert werden musste. Über den Klosterhof hinweg wurden die Bilder auf einen Tieflader gebracht und dort sicher mit Neopolenstreifen, Kartonagen-Abdeckungen und verrutschsicher in einer eigens auf dem Tieflader befestigten Schutzkiste gelagert.

 

Auch für die Kunsttransport-Firma war diese Beförderung eine Herausforderung. Die Größe und der schlechte Zustand der Kunstobjekte ließen es nicht zu, diese zu rollen. Es war das erste Mal, dass solche Kunstwerke auf einem offenen Fahrzeug, hier einem spezieller Tieflader, mit einer Dauergenehmigung für die Überbreite von 50 Zentimeter und einer maximalen Höhe von 4,10 Meter auf die Strecke geschickt wurden.

 

Restauratoren begleiteten den Transport nach München, um die Lage des wertvollen Gutes während der Fahrt zu überwachen. Kurz vor Ablauf der Genehmigungsfirst erreichte das Fahrzeug die neue Pinakothek in München - sinnigerweise über die "Heß-Schraudolphstraße", die den beiden Schöpfern der Neustädter Gemälde gewidmet ist.

 

Und wie waren die Kunstwerke nach Neustadt gekommen? Zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts hatte der damalige Pfarrer Riedmann die bedeutendsten romanischen Bildwerke der Kirche, den Taufstein und andere kostbare Gegenstände an das Würzburger Luitpold-Museum, das heutige Mainfränkische Museum veräußert. Er erhielt dafür 5000 Mark, Gipsabdrücke der Kunstwerke sowie staatliche Unterstützung und Beratung bei der Innenausgestaltung. Auf diese Weise, so der Neustädter Kirchenführer, gelangten auch die beiden Gemäldeleihgaben der Münchner Pinakothek nach Neustadt.

 

Qualität und Schönheit

Dabei zeigten sich die Kunstkenner aus München überrascht von der Qualität und der Schönheit der beiden Bilder - vor allem des Gemäldes von Schraudolph - trotz der Beschädigungen, die sich im Laufe der Jahrzehnte ergeben haben. Diese Schönheit war den Betrachtern bisher durch die extreme Höhe der aufgehängten Bilder verborgen geblieben.

 

Johann von Schraudolph wurde am 18. Juni 1808 in Oberstdorf im Allgäu geboren. 1879 verstarb der Historienmaler und Radierer, der sich 1845 in Rom weitergebildet hatte und von 1849 bis 1878 Professor an der Akademie München war.

 

Heinrich Maria von Heß, geboren am 1798 in Düsseldorf, trat 1813 in die Münchner Akademie ein, die damals unter dem strengen Klassizisten J. B. Langer stand. Der Maler und Lithograph rief übrigens die nazarenische Richtung ins Leben, ehe er noch mit dem Nazarenerkreis in Berührung gekommen war. 1817 verließ er die Akademie und wurde selbstständig. Im März 1863 verstarb von Heß. Beide Maler wurden durch zahlreiche Kunstwerke bekannt.

 

Die Arbeit an der "Einsetzung des Abendmahls" begann Heinrich Maria Heß um 1862 begonnen.

Beim Tod des Künstlers blieb das Werk unvollendet. Es zeigt Christus, wie er sich beim letzten Abendmahl erhoben hat und im Kreis seiner Jünger vor dem Tisch steht. In der Linken hält er den Kelch, in der Rechten das Brot.

 

Vom Abendrot erleuchtet

Die Jünger nehmen das von Christus gereichte Brot entgegen, teils kniend, teils stehend: Zunächst Petrus, dann Jacobus der Ältere, Philippus, Bartholomäus, Thaddäus und Simon. Zur Linken Christi steht Johannes, den Teller mit den Broten haltend, neben ihm knien Jacobus der Jüngere und Matthäus. Am Tisch steht Thomas, während Judas sich rechts in der Ecke davonmacht. Aus dem dämmrigen Raum fällt der Blick durch ein Fenster in eine vom Abendrot erleuchtete Landschaft.

 

Johann Schraudolphs Werk "Christus heilt die Kranken", Öl auf Leinwand, entstand 1862 und wurde durch König Ludwig I. erworben. Dem Gemälde liegt der Bericht des Matthäus zugrunde, wonach Johannes der Täufer zwei seiner Jünger zu Jesus sandte, um ihn fragen zu lassen, ob er der Messias sei. Mit dem Hinweis auf die Worte des Propheten verweist Jesus auf seine Wundertaten (Matth. 11, 2-5).

 

Die beiden Jünger des Täufers blicken Jesus fragend an. Dieser weist mit erhobenen Händen auf die Hilfe suchender Kranken rechts vor ihm: Ein Taubstummer, ein Besessener, ein Vater mit seinem toten Kind. Links vor Christus drängen sich die Geheilten: Ein Lahmer, der nun gehen kann, ein Blinder der nun sieht, und ein Aussätziger, der mit dem Bett auf dem Rücken davon geht. Im Hintergrund rechts betrachten die Jünger die Heilung mit gläubigem Erstaunen, während drei Pharisäer das Geschehen mit ärgerlicher Miene folgen. Das Bild wurde 1859 durch König Ludwig I. in Auftrag gegeben.

 

 

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Das Bild wird für den Transport nach München präpariert
   

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Johann Schraudolphs Bild >Christus heilt die Kranken<
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