Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
2005
Die Orgel in der Pfarrkirche
   

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Die Neustädter Orgel im August 2005
   

Im August 2005
Die ehemalige Orgel von Neustadt im der kath. Pfarrkirche St. Gangolf in Amorbach
  Die Neustädter Orgelgeschichte 

Erstellt am 24.07.2005
Die Informationen stammen größenteils von
Hermann Fischer aus dem Jahre 1968


Die ehemalige Abtei Neustadt am Main nahm im Rahmen der fränkischen Orgel- und Musikgeschichte sicherlich keine geringfügige Stellung ein. Dafür bürgt allein die frühere Abteiorgel, die heute in der Stadtpfarrkirche in Amorbach steht. Bedauerlicherweise gibt es zur Orgelgeschichte der karolingischen Abtei nur wenige Quellen. Niemand weiß, was an Quellenmaterial existiert hat, verloren ging oder verbrannt ist.

 

Um 1500 hatten praktisch alle Stifts- und Abteikirchen bereits eine oder gar mehrere Orgelwerke. In Amorbach war nach dem Zeugnis des Chronisten Pater Antonius Klug bereits im 15. Jahrhundert die Orgel im Gebrauch.

 

Das älteste Dokument bez. der Neustädter Orgelgeschichte ist ein Brief aus dem Jahre 1536, welcher die prekäre Situation der Abtei Neustadt kurz nach dem Bauernkrieg (1524 – 1525) erwähnt, vom Abt Valentin aus dem Kloster Amorbach an den Abt Konrad Lieb (1534  1554) aus Neustadt.

Die Vorgeschichte:

Die Abtei wurde am 21.4.1525, kurz nach Ostern, durch Bauern aus dem Amte Rothenfels geplündert. Die Mönche und der Abt Jodock Steigerwald (1513-1534) waren auf die Burg Rothenfels geflohen.

Die Neuweihe der Abteikirche St. Maria und Martin fand am 26. August 1534 unter Abt Konrad Lieb, der aus Amorbach stammte, statt.
Während die Benediktiner in Amorbach schon wenige Jahre nach der Zertrümmerung im Bauernkrieg ihre Orgel größer und schöner wiederherstellen ließen, gab es in Neustadt nicht einmal einen Organisten mehr. Das neunstimmige Regal, besser Positiv, welches Abt Valentin seinem Neustädter Amtsbruder Konrad Lieb anbot, um dem dortigen Chorgesang mehr Glanz und Würde zu verleihen, war bereits eine kleine Renaissance-Orgel, die sich durch ihre Registrierbarkeit und durch das harte Nebeneinander von herben Zungen- und lieblichen Lippenpfeifen von der bis etwa 1500 gebauten gotischen Orgeln unterschied. Wahrscheinlich haben sich die Neustädter Konventualen das günstige Angebot, zu einer Orgel zu kommen, nicht entgehen lassen.

 

Gegen Ende des 16. Jahrhundert existierte mindestens eine Orgel, zumal Pater Wolfgang Götz, von 1597 an Ortspfarrer von Neustadt, auch Klosterorganist (Catalogus Abbatium, Seite 100 und Klosterbuch I von Pfarrer Link, Seite 244) gewesen ist. Ein weiterer Hinweis liefert ein Ratsprotokoll  der Stadt Kitzingen aus dem Jahre 1600. In Kitzingen hatte sich im August des Jahres 1600 der Orgelmacher Martin Schonat von Burgellern bei Bamberg erboten, die Orgel der Pfarrkirche zu stimmen. Zum Beweise seiner Glaubwürdigkeit und seiner Berufserfahrung verwies er die Ratsherren auf seine frühere Tätigkeit  im Kloster Neustadt, wo er >>hievevor<< die Orgel, zusammen mit dem Lohrer Orgelmacher Johann Friedrich Künzinger, renoviert hatte.

 

Von 1615 – 1623 wurden umfangreiche Umbaumaßnahmen der Abteikirche St. Maria und Martin von Bischof Julius Echter angeordnet, hohe Verschuldung des Klosters. Abt Martin Knödler war gegen die Baumaßnahmen und wurde vom Bischof abgesetzt.

 

Im Jahre 1626 erhielt die Abteikirche unter Abt Georg Ehalt eine neue Orgel (Catalogus Abbatium,  Seite 106). Sie kostete die ansehnliche Summe von 828 Fl. Und 4 Eimer Wein. Leider ist über dieses frühbarocke Orgelwerk, seinen Erbauer, seine Größe und Registerdisposition nichts überliefert. Lediglich aus Preisvergleichen kann man ermessen, dass es sich bei einer solch erheblichen Summe schon um ein recht großes Orgelwerk gehandelt haben muss. Im gleichen Jahr z.B. verakkordierte die Stadtgemeinde Münnerstadt eine Orgel mit 20 Registern auf zwei Manualen und Pedal für den Preis von 800 Fl. Dieses und weitere Beispiele aus Windsheim, Rothenburg o. T. und die Würzburger Marienkapellenorgel begründen die Annahme, dass für die Summe von 828 Fl. Eine zweimanualige Orgel, bestehend aus Hauptwerk und Rückpositiv, mit etwa 15 – 20 Registern, je nach Aufwand für die äußere Zier, angeschafft wurde.

Als Erbauer der neuen Orgel könnten sowohl Martin Schonat wie auch Friedrich Künzinger in Frage kommen. Schonat hatte 1620 die Münsterschwarzacher Orgel erneuert und reparierte 1626 die Kitzinger Pfarrorgel. Künzinger war vorher auch schon für die Benediktiner in Amorbach und Münsterschwarzach tätig gewesen und besaß in seinem Sohn Johann Georg, der 1625 in Lohr heiratete, eine kräftige Stütze.

 

Schwere Klosterplünderungen im 30-jährigen Krieg (1618 – 1648) durch Schweden, Kroaten und Franzosen. Für ein Jahr (1633) im Besitz von L. G. von Nabben, Geheimsekretär der schwedischen Majestät. 1637 fielen 100 Kroaten ein, 1642 und 1648 die Franzosen.

 

Bereits nach 91 Jahren, im Jahre 1717, musste die Frühbarock-Orgel einem neuen Instrument weichen. Abt Bernhard Krieg (1703-1729) ließ am Anfang des 18. Jahrhunderts die Klosterkirche durch einen neuen Choraltar schmücken und korrespondierend zum Hochaltar eine neue Orgel auf der Westempore errichten, wo vermutlich auch schon die Vorgängerin gestanden hat (Catalogus Abbatium,  Seite 150). Das Gehäuse dieser neuen Orgel und geringe Teile des Pfeifenwerkes sind in der Stadtpfarrkirche zu Amorbach noch erhalten. Dort fand Bösken an der Gehäuseinnenwand die Jahreszahl 1717 und ein noch nicht entziffertes Monogarmm. Auf einer Pfeife ist die Inschrift >>Neustadt quint sesqu<< eingraviert.

 

Das Benediktinerkloster Neustadt am Main wurde 1803 im Zuge der Säkularisierung aufgehoben. Der gesamte Besitz des Klosters einschließlich der Klosterkirche wurde an das Fürstentum Konstatin zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg übereignet.

 

Die Klosterkirche war 1803 mit drei Orgeln ausgestattet.

Das Inventarverzeichnis bei der Besitzübergabe 1803 führt jedoch nur zwei Orgeln auf: die große Orgel auf der Westempore und eine kleine Orgel (im südlichen Querhaus).

 

Von Interesse ist auch der große Bestand an Musikinstrumenten, die in der Abteikirche zu Neustadt zur Aufführung der Kirchenmusik gebraucht wurden. Im Inventarverzeichnis von 1803 sind folgende Musikinstrumente genannt.

 

Auf der großen Orgel:

2 Schränke mit Musikalien

1 Halb Violon

3 Violin

1 Viola

1 Violoncell

1 Fagott

4 Trompeten

 

Auf der kleinen Orgel:

5 Violin mit 6 Bogen

1 großer Violon

2 alte Trompeten

1 altes Waldhorn

2 kleine Pauken

2 große Musikpulte

5 kleine Musikpulte

1 Spiegel über der Orgel

 

Die Orgel aus dem beheizbaren Winterchor kam bereits 1804 in die katholische Schlosskapelle nach Wertheim, wo sie eine kleine, 1735 von Jakob Theodor Berns in Karlstadt erbaute Orgel, ablöste. Diese Berns-Orgel wurde dann noch in der Gemeinde Zimmern bei Marktheidenfeld eine Reihe von Jahren benutzt. Die Neustädter Winterchororgel hatte 7 Register, darunter eine Vox humana; das ist ungewöhnlich. Das Zungenregister kommt nämlich im mainfränkischen Orgelbau überhaupt nicht vor, wohl aber am Mittelrhein, z.B. bei Stumm oder Köhler, oder bei Gabler in Oberschwaben; dann aber gehört es mindestens in eine zweimanualige Orgel. Wenn die Angabe also stimmt, dann hätten die Neustädter Benediktiner eine nicht alltägliche Winterchororgel gehabt, die nicht mainfränkischer Provenienz gewesen sein kann.

 

Die Hauptorgel aus der Klosterzeit war ein Werk von Johann Hoffmann aus Würzburg und 1717 erbaut. Die große Orgel wurde durch Vertrag vom 9.6.1805 , abgeschlossen in der fürstlichen Residenz Kleinheubach, an die katholische Pfarrgemeinde in Amorbach verkauft.

Diese hatte sich zunächst 1782 eine neue Orgel bei den Gebrüdern Stumm, den Erbauern der noch vorhandenen Amorbacher Abteiorgel, bestellt. Die Lieferung unterblieb jedoch aus unbekannten Gründen. Später führten Verhandlungen zum Erwerb der großen Orgel des aufgehobenen Klosters Oberzell ebenfalls zu keinem Erfolg. Endlich genehmigte Fürst Konstantin zu Löwenstein den Verkauf der Neustädter Abteiorgel „wie sie auf dem Platz steht, samt allem Zugehör ohne alle Kösten“ gegen 2000 Fl. Rhein. in bar. Der Betrag wanderte in die fürstliche Privatkasse. Das Orgelwerk wurde von Orgelbauer Klein aus Wörth übernommen, abgebrochen und auf Kosten des Käufers nach Amorbach gebracht und dort aufgestellt.

Aktenmäßig ist der Erbauer der Orgel mit dem prachtvollen Barockgehäuse nicht ermittelt; doch gibt der Gehäuseaufbau Aufschluss über die Werkstatt, in der allein dieser Gehäusetyp gefertigt wurde: die Werkstatt des Würzburger Hof- und Domorgelmachers Johann Hoffmann, von dem die gleichen Prospekte heute noch in Arnstein, Oberzell und Treysa stehen.

 

Die Chororgel im südlichen Querhaus neben dem Kreuzgang blieb am Ort. Sie stand an einem Platz auf der rechten Seite des Kreuzganges und verkam in den Jahren bis zur Wiedereröffnung der Kirche 1837 immer mehr. Zur Eröffnung der Kirche wurde sie von Orgelbauer Anton Etthöfer aus Margetshöchheim für 112 Fl. instand gesetzt und auf die seit 1805 leer stehende Westempore transferiert. Hier diente sie zur Begleitung des Volksgesanges und der Kirchenmusik bis zum Brand der Kirche, wo sie beim späteren Kirchenbrand mitverbrannte. Trotz ihrer Kleinheit war sie nach einem zeitgenössischen Bericht „von einem vortrefflichen Tone und dieser Verwendung gewiß werth“. Es handelte sich um eine so genannte Viertels-Orgel, also mit einem Principal 4’ im Prospekt und 3 Bälgen. Die Registerzahl ist nicht genau bekannt; Etthöfer fügte Salicional 8’ und Violonbaß 8’ hinzu, so dass eine etwa 8-registrige Disposition vorlag, wie sie ähnlich die Chororgeln von Triefenstein oder Gerlachsheim aufzuweisen hatten. Die Orgel wurde noch 1844, 1847 und 1852 repariert, weil die Bälge schon sehr schlecht waren.

Am Pfingstmontag den 26. Mai 1857, Blitzeinschlag im Nordturm der ehemaligen Abteikirche, brannten die Kirche und das Kloster ab. Die wertvolle Klosterbibliothek samt vielen Urkunden und Akten und die Orgel verbrannten. Das bei weitem schönste Geläut der ganzen Gegend mit 7 Glocken zerschmolz.

 

Nach dem Wiederaufbau wurde die neue Kirche am 8.12.1879 eingeweiht.

 

Die heutige Orgel stammt von 1891. Die renommierte Orgelbaufirma R. Schlimbach & Sohn aus Würzburg schuf hier die drittgrößte Schlimbach-Orgel. Der fünfteilige Schauprospekt neuromanischer Ausprägung besitzt zwei Manuale, ein Pedal und 25 Register. Sie hat insgesamt 1424 verschiedene Pfeifen, davon alleine 49 Front-Prospektpfeifen.

 

Von Januar 2000 bis 1. Oktober 2000 wurde die Orgel für 219.000 Mark von der Orgelbaufirma Vleugels GmbH aus Hardheim bei Tauberbischofsheim renoviert.

 

 

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