Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
Pfarrer in Neustadt
Pfarrer Georg Burkard Link
  Pfarrer Georg Link: Bartstreit Teil 3 

Erstellt am 26.08.2005

 

 

Bericht über Pfarrer Link im Heimatland 12. Jahrgang (März / Lenzing 1953) Nr. 3.

Geschrieben von Josef Riedmann, Pfarrer i. R.

 

Erinnerungen aus dem Leben des seligen Pfarrers Georg Burkhard Link in Neustadt am Main (1848 – 1901).

(Fortsetzung und Schluss)

Es war Pfarrer Link sofort klar, was er nun zu tun hatte, um seinen Bart zu retten. Das Ordinariat hatte als Hauptgrund für sein Vorgehen besonders betont, dass das Volk Anstoß am Bart eines Geistlichen nehme. Was war da zu tun, um diesen Einwand zu widerlegen und als Irrtum festzunageln? Sehr einfach! Pfarrer Link nahm einige Bogen Papier und ging damit in Neustadt und Erlach von Haus zu Haus und fragte: „Ist jemand in Eurem Haus, dem es nicht recht ist, dass ich einen Bart trage?“ Link wusste sehr wohl, dass es in seinem Dörflein keinem einfallen würde, gegen den Bart des Pfarrers Stellung zu nehmen. Er ließ sich deshalb von jedem Haushaltsvorstand durch Unterschrift bestätigen, dass niemand im Haus am Bart Anstoß nahm. Und als er den Rundgang beendigt hatte, hatte es Pfarrer Link schwarz auf weiß, dass seine ganze Pfarrei sehr zufrieden mit ihres Pfarrers Bart war. Nur ein einziger Mann habe die Unterschrift verweigert, das müsse er leider zugeben und dieser Mann sei der Dorfbarbier, schrieb Link mit Ironie.

 

Dieses überzeugende Dokument leitete Pfarrer Link dem Bischöfl. Ordinariat zu und wartete mit Spannung auf baldige Genehmigung seines Antrages und Erledigung der Sache.

Aber Pfarrer Link sah sich abermals getäuscht. Nach etwa 10 Tagen wurde ihm durch den Dechant ein noch schärfer gehaltenes Schreiben des Ordinariats vorgelegt, worin Pfarrer Link erneut aufgefordert wird, der oberhirtlichen Anordnung sofort Folge zu leisten, mit dem Hinweis, es lägen Unterlagen vor, dass auch in der weiteren Umgebung Leute Anstoß nehmen am Barte des Pfarrers von Neustadt.

 

Pfarrer Link nahm auch das zweite Monitorium des Ordinariats noch nicht recht ernst. Er glaubte die Leute in der weiteren Nachbarschaft besser zu kennen. Darum wollte er seinen Standpunkt durch eine weitere Eingabe verteidigen. Mit einem Bogen Papier ging er jetzt in die Nachbarortschaften. Dort ließ er sich von den Gemeindevorständen und vielen Familien durch Unterschrift bestätigen, dass niemand daran denke, am Bart des Neustädter Pfarrers Ärgernis zu nehmen. Dieses neue Aktenbündel, welches stark genug war, jedes Bedenken zu zerstreuen, ließ er durch den Dechantpfarrer von Urspringen dem Bischöfl. Ordinariat unterbreiten.

 

Aber jetzt war die Geduld der oberhirtlichen Stelle zu Ende. Man war des ewigen Hin- und Herschreibens müde. Möglich auch, dass die Herren in Würzburg wegen dieser merkwürdigen Streitsache, die fast an eine Verhöhnung erinnert, verärgert und gereizt waren. Sie machten daher kurzen Prozess.

 

Dechant Schnorr bekam am 9. Februar 1863 vom Ordinariat ein Schreiben zugestellt, das er Pfarrer Link zu eröffnen hatte. Darin hieß es:

  1. Er hat innerhalb 8 Tagen den Bart entfernen zu lassen.
  2. Sollte sich Pfarrer Link nach Ablauf dieser Frist nicht der Bischöfl. Anordnung gefügt haben, so wird wegen seines Ungehorsams u. fortgesetzter Widerspenstigkeit die „Suspensio ab ordine“, d. h. die Enthebung von seinem Amte erfolgen.

 

Das Dekret sollte am 11. März 1863 ohne Verzug in Kraft treten. Alle Einzelheiten der Übernahme der Seelsorge durch den Kaplan waren bereits geregelt. Das bedeutete freilich das Ende dieses „tragikomischen Streites“. Pfarrer Link hatte tapfer für seinen Bart gekämpft. Er glaubte aber immer noch, im Recht zu sein und klagte seinem Dechant, Pfarrer Schnorr seine Not. Dieser gab ihm den Rat, selbst nach Würzburg zu gehen, um beim hochwürdigsten Herrn Bischof seine Angelegenheit persönlich vorzutragen. Dort werde er sicher Gehör finden, da der Bischof ein guter Herr sei. Link befolgte diesen Ratschlag. Er nahm Hut und Wanderstab und machte sich in frühester Morgenstunde auf den Weg nach Würzburg, wie es Brauch war, als es nur wenige Eisenbahnstrecken gab. Auf dem 8 Stunden langen Weg stützte er sich auf seinen gewohnten selbstgeschnittenen Stock, der mannshoch war und zwei oder drei Astzinken hatte. Dieser Stock passte zu seiner Einfachheit in der Kleidung. So schritt er zwar gedemütigt, aber voll Mut und Gottesvertrauen seinem Ziel entgegen.

 

Bald meldete sich im Bischöfl. Palais zu Würzburg ein Wanderer mit langem Bart und staubigen Stiefeln. Er bat um Audienz beim hochwürdigsten Herrn Bischof Dr. Georg Anton von Stahl. Dieser fragte nach dem Namen des Bittstellers. Als er hörte, Pfarrer Link von Neustadt sei da, soll er mit ernstem Blick gefragt haben: „Trägt er seinen Bart noch?“

Als diese Frage bejaht wurde, sagte er sogleich: „Dann ist er nicht vorzulassen. Er soll erst seinen Bart entfernen lassen, dann mag er kommen“. Damit war das Todesurteil über Pfarrer Links heiß umstrittenen Bart gesprochen. Das sah er selber ein, dass weiterer Widerstand Unsinn gewesen wäre und die schlimmsten Folgen für ihn nach sich gezogen hätte. Darum begab er sich kurz entschlossen in eine Barbierstube und opferte seinen wallenden Bart dem Schermesser eines Würzburger Barbiermeisters. Es war also nicht ein Neustädter, sondern ein Würzburger Meister, der dem langwierigen Bartstreit ein jähes Ende bereitete.

 

Pfarrer Link war wieder hoffähig geworden. Mit glänzendem, glattrasiertem Angesicht kam er zurück zur Bischöfl. Wohnung zu einer offenen gründlichen Aussprache mit dem hochwürdigsten Herrn. Diese soll lange gedauert haben, hörte man. Über den Verlauf des Gespräches ist nichts bekannt geworden. Aber das eine steht fest, dass seine Bischöfl. Gnaden für Pfarrer Links Ideen Verständnis gewann und sich durch die Aussprache befriedigt zeigte. Es scheint, dass der Bischof nicht auf dem Verbot des Barttragens bestand. Als nämlich Pfarrer Link wieder in sein Pfarrhaus zurückgekehrt war, ließ er wieder seinen Bart wachsen und trug ihn ohne jegliche Beanstandung bis an sein seliges Ende. Als er sich zum Sterben niederlegte, sah ich, dass sein Bart zu einem grauen, dünnen Backenbart zusammengeschrumpft war, während sein Haupt noch mit dem vollen dunklen Haupthaar, das nur wenige grauweiße Fäden zeigte, geschmückt war.

So war also der ganze Kampf doch nur ein „Streit um des Kaisers Bart“.

 

Ende des Bartstreits :-)

 

 

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