Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
Der ursprüngliche Friedhof mit Michaelskirche
Die Befestigungsanlage auf dem Michaelsberg um 1965. Unten auf dem Bild deutlich zu erkennen.
  Die Grabungen von 1914 auf dem Michaelsberg 

Erstellt am 14.05.2006

Von Josef Riedmann, Pfarrer in Neustadt von 1907 bis 1930

 

Die Befestigungswerke auf der Höhe des Michaelsberges (34 Meter über dem Main) gelten nicht der dort stehenden Michaelskirche (früher Pfarrkirche, jetzt Friedhofkirche), denn sie sind älter und gehen sicher schon in die Karolinger-, vielleicht auch Merowingerzeit zurück. Die Anhöhe ist ein von den Spessartbergen gegen das Maintal vorspringender Ausläufer. Nach uralter Überlieferung und alten Aufschreibungen stand dort zur Zeit der Karolinger ein Jagdschloss. Es wurde Rohrlach (Rorinlacha) genannt. Es stand dort einsam und war in alter Zeit stark befestigt. Heute noch bemerkt man oben rings um die Höhe eine wallartige Erhöhung, der man ansieht, dass sie nicht von der Natur so geschaffen ist.

 

Ich vermute, dass darunter verschüttetes Mauerwerk begraben sei. Ich machte einmal gelegentlich meinen Freund und ehemaligen Studiengenossen, Dr. Georg Hock, Würzburg, auf meine Vermutung aufmerksam. Dr. Hock war damals Konservator und später Professor der prähistorischen Altertumsforschung in Franken. Er interessierte sich dafür und ließ bald, im Frühjahr 1914 (nach Fritz Bils, Maurermeister Neustadt), Nachgrabungen anstellen. Durch schmale Gräben an verschiedenen Stellen ließ er den Platz, besonders den oberen Rand durchschneiden. In etwa 1 in Tiefe stieß man auf starkes Mauerwerk von etwa 2 in Durchmesser. Den Lauf der Mauer konnte man feststellen, er führte um die ebene Fläche auf der Höhe. Weiteres Graben ein paar Meter einwärts stellte eine zweite, mit der ersten Mauer parallel laufende Mauer, fest, die ebenso stark war. Diese Mauern umschlossen das Jagdschloss nach Norden zu, wohin der Bergrücken sich sanft abwärts zieht, und nach Westen gegen die Spessartberge, wohin das Terrain eben verläuft. Auf der Südseite sieht man heute noch die Reste des ehemaligen Halsgrabens. Nach Osten gegen das Maintal fällt die Höhe steil ab. Ob die Natur auf dieser Seite Schutz bot oder ob durch weiteres Mauerwerk nachgeholfen werden musste, konnte nicht festgestellt werden. Nach Westen hin, außerhalb der Schutzmauern, fanden sich noch die Reste von Palisaden. Wir machten dann den Versuch, innerhalb des Friedhofs (der westlich und nördlich neben der Kirche liegt) nachzugraben, um eventuell Reste des ehemaligen Jagdschlosses zu finden und um die Größe und Lage desselben festzustellen. Leider hatten wir kein Glück mit dieser Nachforschung, wir konnten keinen Anhaltspunkt finden, an welchem Platz die alte Burg stand. Wahrscheinlich stand sie dort, wo jetzt die Kirche steht, und es ist wohl anzunehmen, dass der östliche Teil der Kirche, besonders der Turm, auf dem Fundament des alten karolingischen Jagdgebäudes steht. Das war der sicherste und schönste Platz dafür.

 

Prof. Dr. Hock hoffte noch feststellen zu können, ob diese historische Stätte, wo im 8. Jahrhundert die ersten Benediktinermönche von Neustadt sich niedergelassen haben sollen, karolingischen oder merowingischen Ursprungs sei. Es wurde deshalb beim Graben ein scharfes Augenmerk gerichtet auf Funde wie Waffengeräte, Geschirr oder Ziegelsteine. Aber leider wurde nichts gefunden, das uns den gewünschten Aufschluss hätte geben können. Vielleicht liegen solche Zeugen wohl verschlossen tief unter dem zurzeit unzugänglichen Fundament der St. Michaelskirche.

 

P. S. Nach Mitteilung von Fritz Bils, der die Ausgrabungen damals leitete, wurde am heutigen Eingang zum Gottesacker ein Skelett eines Mannes in sitzender (Hocker-) Stellung gefunden, der in der Hand eine Waffe getragen haben soll.

 

Was die Michaelskirche betrifft, so scheint mir die erste Anlage frühromanisch zu sein. Der Unterste Teil des Turmes hat viel Ähnlichkeit mit dem nördlichen Turm der Abteikirche (jetzt Pfarrkirche). Dieser war ein allein stehender Glockenturm und gehört sicher schon dem 11. Jahrhundert an. Vielleicht haben die Mönche in dem verlassenen Jagdschloss ihr erstes St. Michaels-Kirchlein eingerichtet. Dass dieses oder die spätere Kirche jemals befestigt oder wehrhaft gewesen sei, habe ich noch nicht gehört und noch in keiner Schrift gelesen. Wozu auch? Die Kirche stand isoliert da oben im Dorffriedhof, barg keine wertvollen Schätze und war gut verschlossen. Möglich ist aber, dass die am Fuß des Berges wohnenden Benediktinermönche da oben auf dem Turm der Michaelskirche mit dem schönen Blick ins Maintal ab- und aufwärts ein Lugplätzchen hatten zum Fernblick. Die Befestigungswerke aber waren nicht zum Schutz dieser kleinen unscheinbaren Kirche erbaut, sondern zum Schutz des karolingischen Jagdschlosses Rohrlach.

 

P. S. Von der Sakristei der Michaelskirche führt ein unterirdischer Gang herunter in das ehemalige Rentamtsgebäude (jetzt Dominikanerinnenkloster). Beide Ein- beziehungsweise Ausgänge sind vermauert. 1914 wurden offene Stellen gefunden (Seegarten).

 



 

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