Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
Vater und Sohn
Karl der Große und sein Sohn Ludwig der Fromme
  Die Königs- bzw. Kaiser-Privilegien des Kloster Neustadt 

Erstellt am 29.01.2005, ergänzt am 05.01.2006


Hier können Sie die Ergebnisse aus dem Bericht >Zur Neustadter Privilegienfrage< von Heinrich Wagner, erschienen im Jahr 2000 im Archiv für Diplomatik im Böhlau Verlag, 46. Band, nachlesen.

Diese Veröffentlichung ist von Dr. Heinrich Wagner genehmigt.

Ein Fazit aus den Untersuchungen ergibt folgendes Bild:

Das Kloster Neustadt hatte 6 bzw. 7 echte Königs- / Kaiser-Urkunden bzw. -Diplome erhalten!
 

Neustadt hat von Karl d. Gr. wahrscheinlich drei, vielleicht sogar vier Urkunden, von Ludwig dem Frommen, Ludwig dem Deutschen und Otto III. je ein Diplom erhalten.


Die früher vorhandenen echten Urkunden im Überblick:

772 Mai

Urkunde Karl d. Großen an Kloster Neustadt, Abt Megingaud, mit dem Inhalt: Königsschutz und Immunität.

781 August

Urkunde Karl d. Großen an Kloster Neustadt, Abt Megingaud, mit dem Inhalt: Besitzbestätigung der Klostermark.

786

Urkunde Karl d. Großen an Kloster Neustadt, Abt Waltrich, mit dem Inhalt: Bestätigung früherer Privilegien und freie Abtwahl.

790

Urkunde Karl d. Großen an Kloster Neustadt, Abt Waltrich, mit dem Inhalt: Zollfreiheit.

817

Urkunde Ludwig d. Frommen an Kloster Neustadt, Abt Spatto, mit dem Inhalt: Bestätigung des Königsschutz, Immunität, Besitzbestätigung.

858

Urkunde Ludwig d. Deutschen an Kloster Neustadt, AbtWitgar?, mit dem Inhalt: Bestätigung des Königsschutz, Immunität, Besitzbestätigung.

1000
10. April

Otto III, bestätigt am 10. April 1000 dem Kloster Neustadt, Abt Bernardus?, die vorher ausgestellten Privilegien von Ludwig den Frommen und Ludwig den Deutschen.


Im Detail:

1. Das erste Carolinum für Neustadt wurde wohl im Mai 772 ausgestellt und besaß möglicherweise von Beginn an nur ein unvollständiges Eschatokoll. Dieses wurde bei der Herstellung des Spuriums DKar I 252 um die Korroboratio und Teile der Rekognition aus dem Deperditum Ludwigs d. Dt. von 858 "vervollständigt". Gegenstand war vermutlich - ähnlich wie in demselben Jahr bei Lorsch (D 72) - die Bestätigung der Auftragung des Klosters an den König, verbunden mit der in der jüngeren Vita s. Burkardi für Neustadt bezeugten Verleihung des Königsschutzes, der den resignierten Würzburger Bischof Megingoz und sein Kloster vor einer Belästigung durch seinen Nachfolger Berowelf bewahren sollten.
Etwa zu derselben Zeit - vielleicht sogar in derselben Urkunde (wie etwa in DKar I 62 von 771 Juli o.T. für St. Calais) - könnte Karl Neustadt auch die Immunität verliehen haben, die durch die in diesem Teil unverfälschte Bestätigung Ludwigs d. Fr. von 81[7] (s. unter 5.) einwandfrei bezeugt ist.


2. Ein zweites Carolinum, nämlich die Bestätigung seiner Gründung sowie eine globale Besitzbestätigung (vor allem der Klostermark, möglicherweise als bloßes predium mit nicht näher bestimmten Zugehörungen; wie in D 73 für Lorsch sub emunitatis nomine ?) wird Megingoz anläßlich der Weihe der Klosterkirche, an der Karl d. Gr. teilnahm, im späten August des Jahres 781 erhalten haben.
Daß auch die Beschreibung der von [Graf] Hatto mit Genehmigung des Königs geschenkten Neustadter Klostermark darin enthalten war, ist weniger wahrscheinlich, wenngleich nicht auszuschließen. Wie bei der Übertragung der Mark Heppenheim an Lorsch oder der Hammelburger Mark an Fulda wird ein Vestitionsprotokoll oder auch eine bloße Beschreibung der Klostermark angefertigt worden sein, die mit ihrer Einfügung in die Fälschungen DKar I 252 und DO III 354 die höheren Weihen einer Beglaubigung durch Herrscherurkunden erhalten sollte.


3. Eine dritte Karlsurkunde für Neustadt wird auf Grund der in der Datierung von DKar I 252 angegebenen Regierungsjahre im Franken- und im Langobardenreich sowie der Berührungspunkte mit dem Ansbacher DKar I 152 im Jahr 786 ausgefertigt worden sein. Ihr Gegenstand könnte die Bestätigung bereits früher gewährter Privilegien, trotz der oben geäußerten Bedenken vielleicht auch des Rechts der freien Abtswahl, ihr Empfänger wird der mit dem Königshaus verwandte zweite Neustadter Abt Waltrich gewesen sein.

4. Möglicherweise erhielt Neustadt noch ein viertes Carolinum, das auf Grund der dem D 252 zu entnehmenden Hinweise aus dem Jahr 790 stammen dürfte und vielleicht von Erkanbald anstelle Rados rekognosziert wurde. Sein Inhalt könnte eines der sonstigen mit D 252 verbrieften Privilegien – z.B. das der Zollfreiheit - gewesen sein.


5. Auf Initiative seines Abtes Spatto I., der gleichzeitig Abt von Amorbach und Bischof von Verden war, hat Neustadt wohl im Jahr 817 eine Urkunde Ludwigs des Frommen, die echte Vorlage von BM n.593 erhalten. Sinn dieser Personalunion war, die Ressourcen zweier damals offenbar sehr leistungsfähiger Reichsabteien im Altsiedelland für den Aufbau des sächsischen Bistums Verden zu nutzen. Gegenstand des verschollenen Diploms war nachweislich die Bestätigung der Verleihung von Königsschutz (defensio) und Immunität durch Karl d. Gr., verbunden mit einer (allgemein gehaltenen ?) Besitzbestätigung, darunter der dotalis possessio. Aber auch weitere Privilegien Karls können Gegenstand von Ludwigs d. Fr. Bestätigung gewesen sein.


6. Ludwig der Deutsche stellte im Jahr 858 ein Diplom für Neustadt aus, das in verschiedenen Formelteilen der Neustadter Spurien noch zu erkennen und dessen Existenz auch durch seine unverdächtige Erwähnung in dem Spurium DO III 354 beglaubigt ist. Vermutlich handelte es sich dabei um eine bloße Bestätigung der Urkunde Ludwigs d. Frommen.


7. Die letzte Herrscherurkunde des früheren Mittelalters, die echte Vorlage von DO III 354, erhielt Neustadt 1000 April 10 von Otto III., der dem Kloster wohl nur die von Ludwig d. Fr. und Ludwig d. Dt. ausgestellten Privilegien, darunter sicher dessen dotalis possessio bestätigte.

 

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