Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
Karl
Karl der Große
  Die Spurien 

Erstellt am 29.01.2005


Die mutmaßliche chronologische Reihenfolge der in Neustadt bzw. jedenfalls im Neustadter Interesse hergestellten fünf Spurien stellt sich nach Dr. Heinrich Wagner wie folgt dar:

 

1. Die älteste Fälschung dürfte DKar I 252 sein.

Sie ist auf das Jahr 794 datiert und wurde von ihrem Inhalt her am ehesten zu Beginn des 11. Jahrhunderts, um 1025 angefertigt. Sie sollte Neustadt helfen, im Kampf mit dem Bischof von Würzburg seine Eigenschaft als Reichsabtei und die damit verbundene Selbständigkeit zu verteidigen sowie den Besitz von Homburg zu sichern, das zu Unrecht von Würzburg beansprucht wurde.

 

Es konnte eindeutig nachgewiesen werden, dass dem Neustädter Fälscher neben der Vita Burkardi II, dem Codex Eberhardi, der Lorscher Chronik, dem Testament Karls des Großen und Einhards Vita Karoli noch 15 Diplome vorgelegen haben.

Alfred Wendehorst, Erwägungen zur Topographie und Geschichte des Klosters Neustadt am Main und seiner Mark. Versuch einer Annäherung der archäologischen und historischen Quellenaussagen.1250 Jahre Bistum Würzburg, Echter, 1992, 163ff.

 

 

2. DKar I 283 ist auf das Jahr 812 datiert und wurde um 1125 angefertigt.

Sie sollte als unangreifbare Herrscherurkunde das Eigentumsrecht an Steinfeld und (Wald-)Zell (alter Lk. Lohr) beweisen, das Dienstrecht der dort lebenden Leute kodifizieren und die Abgaben an den Vogt fixieren. Es geht in D 283 also ausschließlich um die Sicherung offenbar gefährdeter Rechte. Von der Ausformung des darin enthaltenen Dienstrechts dürfte es am ehesten in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts entstanden sein. Stengel weist D 283 auf Grund der darin vorgetragenen "staatskirchlichen" Spielart der Zwei-Schwerter-Lehre der Zeit nach der Mitte des 12. Jahrhunderts zu[1].

 

3. Das verfälschte Ludovicianum BM n.593 ist auf die Zeit zwischen 812 - 814 datiert und dürfte zwischen 1125 und 1150 angefertigt worden sein. Es referiert im Kontext zwei nur hier überlieferte private Schenkungen, sollte also in seinem gefälschten Teil nur einen Beleg für offenbar fehlende Rechtstitel schaffen. Eine genauere zeitliche Eingrenzung ist nicht möglich. Die Behauptung von BM n.593, daß Karl d. Gr. die Abtei Neustadt bis zu seinem Lebensende [!] geschützt habe (sub plenissima defensione et immunitatis tuicione usque ad finem vite sue habuerit) - dies für eine Urkunde eine sehr ungewöhnliche Nachricht - klingt allerdings sehr danach, daß das gefälschte, auf 812 datierte DKar I 283 damals bereits existierte. Denn daß Karl 814 starb, wird doch ziemlich allgemein bekannt gewesen sein, so daß sich dieser Schluß anbot, der als Indiz für eine relative zeitliche Abfolge der beiden Falsa dienen kann. Von daher gilt für die Datierung das zu n.2 Gesagte.

 

4. Die Fälschung DO III 354 wurde wohl in den Jahren unmittelbar vor 1150 angefertigt. Sie sollte in einer Auseinandersetzung, die Neustadt mit seinem Vogt Marquard II. v. Grumbach zu führen hatte, der ohne Erlaubnis auf klösterlichem Grund und Boden die Burg Rothenfels (alter Lk. Lohr) errichtet hatte, dazu dienen, die Unverletzlichkeit der Klostermark zu erhalten, vor allem aber zu zeigen, daß Neustadt mit Hilfe des Herrschers schon einmal Übergriffe des Klostervogtes auf seine Mark abgewehrt hatte, während Ottos III. Nachfolger, Konrad III., nichts dergleichen tat, sondern den Vogt bei seinem unrechtmäßigen Treiben unterstützte. Ein terminus ante quem ergibt sich daraus, daß Bischof Siegfried von Würzburg im Jahr 1150 eine Urkunde über die Beilegung dieses Streits ausfertigte.

 

5. Wegen der Schützenhilfe, die in diesem Fall am ehesten Bischof Reginhard von Würzburg (1171-86) geleistet hat, wird DO III 431, dem im zweiten, entscheidenden Teil keine echte Urkunde zugrundeliegt, in den 70er Jahren des 12. Jahrhunderts, kurz nach 1170 angefertigt und damit das letzte der hochmittelalterlichen Neustadter Spurien sein. Anmerkung von mir: Reginhard war von 1166/67 bis 1182 Abt vom Kloster Neustadt!

 

Allgemein:

Die Theorie einer umfassenden Fälschungsaktion wird außer an den bisher genannten, nicht sehr beweiskräftigen Übereinstimmungen hauptsächlich an der in drei der fünf Spuria mitgeteilten Behauptung festgemacht, daß Karl d. Gr., weil dieser die Jagd so liebte, an der Stelle des späteren Klosters eine Herberge (diversorium) besessen und dort das Kloster Neustadt errichtet habe. Daher ist auf diese von Stengel, Friese u.a. als Beweis angeführte Stelle genauer einzugehen. Die inkriminierte Passage lautet in D 252:

ubi [sc. Nuowenstat; o über u] nos primitus ob iocunditatem vite atque dulcedinem venatui nostro speciale diversorium elegimus.

Dagegen nimmt das gefälschte DKar I 283 auf diese Behauptung überhaupt keinen (!) Bezug. In dem verfälschten Ludovicianum BM n.593, das als Bestätigung eines echten, verschollenen Carolinums erkennbar ist, wird ein Teil des Wortlauts von D 252 wiederholt: in qua [sc. diploma Karoli Magni] continebatur insertum eo quod ipse propter venationis sue dulcissimum diversorium, quod ibi primitus habuit (...). Wie man sieht, wird hier auf die entsprechende Passage des D 252 ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Bestätigung einer Vorurkunde Bezug genommen, so daß sie als Beweis für eine einheitliche Fälschungsaktion nicht geeignet ist. Dieser Formelteil klingt nicht so, als ob der Fälscher von BM n.593 wußte, daß es sich bei D 252 um ein Spurium handelte. Er wird es im Gegenteil "kanzleigerecht" gefunden haben, sein eigenes Elaborat um einen scheinbar originalen Passus aus D 252 zu erweitern.

In DO III 354 heißt es dann: a piae recordationis Karolo principe [!], qui praenominatum locum ex dulcissimo venatus sui quondam diversorio (...) erexit. Auch hier wird auf die Gründung des Klosters nur anläßlich der Erwähnung des angeblichen Gründers Bezug genommen. Diese Nennung dürfte hier aber ähnlich zu beurteilen sein wie in Urkunden anderer Klöster die stereotype Erwähnung eines Heiligen, der corporaliter in dem betreffenden Kloster ruhe. Da Neustadt nicht auf den Leib eines Heiligen verweisen konnte, lag es nahe, die (angebliche) Gründung durch Karl d. Gr. als eine Art "besonderes Merkmal" in den Urkunden des Klosters hervorzuheben. Wie die Bezeichnung Karls nur als princeps zu beurteilen ist, muß vorläufig offenbleiben. Daß mit dieser Ausdrucksweise Karl Martell gemeint war, für den diese Bezeichnung häufig verwendet wurde, ist kaum anzunehmen, obwohl beim Kampf um den Besitz von Homburg zwischen Neustadt und dem Bistum Würzburg beiderseits mit Fälschungen gearbeitet wurde, die voller Anachronismen sind[2]. Von der eher stereotypen Formulierung und ihrem starken inhaltlichen Bezug auf Karl d. Gr. her ist aber nicht anzunehmen, daß die Gründung des Klosters Neustadt damit Karl Martell zugeschrieben und so zeitlich vor derjenigen des Bistums Würzburg angesiedelt werden sollte.

Zusammenfassung

1.       Aus den vorangegangenen Untersuchungen dürfte endgültig klargeworden sein, daß es eine großangelegte, einheitliche Fälschungsaktion in Neustadt nicht gegeben hat, auch wenn in DKar I 252, BM FD n.593 und DO III 354 irrig und in ähnlichen Wendungen eine Gründung Neustadts durch Karl d. Gr. behauptet wird. Trotz der mit Ausnahme des verfälschten Diploms Ludwigs d. Fr. recht schmalen echten Textgrundlage läßt sich anhand von einzelnen charakteristischen Wendungen und sachlichen Übereinstimmungen in den gefälschten Neustadter Stücken die in der Diplomatik der älteren Herrscherurkunden längst bekannte Tendenz zeigen, daß Rechte, die unter Karl d. Gr. noch in getrennten Urkunden verliehen wurden, seit Ludwig d. Fr. in nur einer Urkunde zusammengefaßt wurden und spätere Aussteller sich oft auf die (nahezu) wörtliche Wiederholung dieser Vorurkunde beschränkten. Neustadt verfügte neben seinen mutmaßlich vier Carolina, die einzelne Rechte bzw. Besitztitel verbrieften, über eine zusammenfassende Urkunde Ludwigs d. Fr., die von Ludwig d. Dt. und Otto III. nur wiederholt wurde. Sie alle bestätigten wohl in cumulo die Schenkung von Neustadts dotalis possessio durch Karl d. Gr. sowie die Verleihung von Königsschutz, Immunität, Zollfreiheit und freier Abtswahl. Ob die vielleicht in einem separaten Vestitionsprotokoll festgelegten Grenzen der Klostermark ebenfalls Gegenstand dieser Bestätigungsurkunden waren, muß offenbleiben.

2.       Mit Ausnahme von DKar I 252 sind alle Neustadter Fälschungen Erzeugnisse des 12. Jahrhunderts. Während D 252 mit Sicherheit das früheste der Neustadter Spurien darstellt, wurde DO III 431 offenbar zuletzt, nämlich in den 70er Jahren angefertigt. Von DO III 354 ist eine Herstellung kurz vor 1150 zumindest sehr wahrscheinlich. Die Entstehung der Falsifikate D 283 und BM n.593 ist zeitlich nicht genau einzuordnen. So gibt es trotz beider gegen den Vogt gerichteten Tendenz zwischen D 283 (u.a. Fixierung von Abgaben an den Vogt) und DO III 354 (Übergriffe des Vogtes auf die Klostermark) wegen der ganz unterschiedlichen Anlässe keine Verbindung und daher auch keinen Anlaß, gleichzeitige Entstehung zu vermuten. Der Kampf gegen die Vögte ist im 12. Jahrhundert eine so allgemeine Erscheinung, daß sich daraus keine weiterreichenden Schlüsse ziehen lassen. Wenn diese Untersuchung der Theorie einer einheitlichen Neustadter Fälschungsaktion den Boden entzogen hätte und zu einer Neubewertung der Neustadter Spurien führen würde, dann hätte sie ihr Ziel erreicht.


[1] Vgl. Stengel, Neustadt (wie Anm. 2) S. 22 f.
[2] Vgl. Zimmermann, Klosterrestitutionen S. 3 f. - Wendehorst, D. Karol. 246.

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