Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
Zwischen Margarethenhof und Ruh-/Erfphen-brunnen
Ein Grenzstein aus der Nordgrenze des Kloster Neustadt
  Die Nordgrenze des Kloster Neustadt 

Erstellt am 26.05.2006

 

 

Quelle Main-Echo, 15.03.2002

Mit Korrekturen und Ergänzungen von Klaus Weyer

1000 Jahre alte Felsblöcke markieren den nördlichen Grenzverlauf des Kloster Neustadt

Eine der ältesten Grenzen im Ostspessart verläuft zwischen dem Kloster Neustadt und der Stadt Lohr, das früher wahrscheinlich einen karolingischen Königshof besaß und später zur Grafschaft Rieneck gehörte. Es gibt darüber eine in lateinischer Sprache verfasste Grenzbeschreibung, die in der Fundationsurkunde des Benediktinerklosters Neustadt erhalten blieb.

Der erste Abschnitt der Grenze verläuft vom Main über den Lachberg zum Neustädter Tor. Er lautet: »a fluvio Moyna super Lachberc, inde ad Erphen
br
unnen, per ipsum Erphenbuch, inde ad Benninbetti.«
Wörtlich übersetzt lautet dies: Vom Main über den Lachberg, zum Erphen
brunnen (heute Ruhbr
unnen), durch den Erphenbuch (in der Waldabteilung Erlenberg aufgegangen) zum Benninbetti (heute Neustädter Tor).

Der Spessart (»spehteshart«, Wald der Spechte) war zu dieser Zeit Königsforst. Bereits vor 769 hatte Graf Hatto aus dem Wormsgau umfangreichen Bodenbesitz als zweckgerichtetes Geschenk für eine Klostergründung in Neustadt am Main an seinen Verwandten Megingaud vergeben.

Dr. Waldemar Weigand und weitere Autoren sind der Überzeugung, dass das benachbarte Lohr älter ist als heute angenommen und aus einem karolingischen Königshof mit Zollstation und Raststätte für die Mainschifffahrt erwachsen ist. Welches Adelsgeschlecht jedoch im Raum Lohr im 8., 9. und 10. Jahrhundert Träger der Herrschaft war, ließ sich bislang nicht klären.

Die nördliche Grenze des Klosters Neustadt wurde so durch die vermutlich älteren Rechte des Lohrer Königshofs erzwungen, denn sie ist laut Dr. Waldemar Weigand eine »gequälte« Grenze. Losgelöst von allen landschaftlichen Vorgaben läuft sie linear am dort extrem steilen, steinigen Maintalhang hinauf auf die Abdachung des Lachberges, knickt dann zweimal korrigierend leicht ab und läuft danach auf dem Bergkamm zielstrebig zum Neustädter Tor. Wenn diese alte Grenze aus heutiger Sicht beurteilt wird, dann stellt sich die Frage, warum sie seinerzeit nicht 200 Meter weiter südlich ins Schweppbachtal oder einige hundert Meter weiter nördlich in den Rodenbacher Klingengrund gelegt wurde. Eine vernünftige Erklärung für den eigenartigen Neustädter Grenzverlauf liefert die Annahme, dass zur Zeit der Grenzziehung der Wald nördlich von Neustadt bereits im Besitz des Königshofs Lohr war und der Verlauf von dort diktiert wurde.

Das würde zumindest die Nähe der Grenze zu Neustadt und ihren linearen Verlauf erklären. Die Neustädter/Lohrer Gemarkungsgrenze ist bis heute – nach über 1000 Jahren – völlig identisch mit der ursprünglichen Festlegung. Sie bildet nach der Eingemeindung von Rodenbach und Wombach in die Stadt Lohr die Grenze zwischen dem Privatwald des Fürsten Löwenstein (als Nachbesitzer des Klosterwaldes) und dem Lohrer Wald (früher Wald des Königshofs).

Bäume und Steine dienten als Grenze

Die allerersten Formen einer optischen Grenzmarkierung bestanden in zwei Verfahren: Zum einen wurden mächtige Bäume, meist Eichen, eindeutig mit tiefen Einkerbungen und Farbe gekennzeichnet. Zum anderen wurden große Felsblöcke, die zufällig auf der Grenze lagen oder mit Ochsen dorthin gezogen wurden, von Steinmetzen mit tiefen Kreuzen versehen. Eine Achse des symmetrischen Kreuzes zeigte dabei den Verlauf der Grenze an. Behauene Grenzsteine, wie wir sie heute kennen, kamen erst im späten Mittelalter in Mode.

Noch aus einer Neustädter Grenzbegehung vom Jahr 1539, die in einem schriftlichen Bericht des Abtes Conrad Lieb überliefert ist, geht hervor, dass die Grenze damals zum Großteil mit »Lochbäumen« (so wurden die markierten Bäume genannt) gekennzeichnet war. In einem weiteren erhaltenen Bericht über eine am 25. August 1667 vorgenommene Grenzbegehung (Kopialbuch des Klosters Neustadt) werden auf dem Abschnitt zwischen Main und Neustädter Tor 66 »Marckhsteine« (Grenzsteine heutigen Zuschnitts), ein »
breiter Lägerstein mit einem Creutz« und nur mehr bei Grenzstein Nummer 61 ein »Lochbaum« genannt. Konkret heißt es in diesem Dokument, dass der Grenzstein Nummer 57 »bey Einem br
eiten lägerstein mit Einem Creutz« stehe. Von dieser Tatsache ausgehend wurde in den vergangenen Wochen die Grenze vom Main bis zum Neustädter Tor systematisch abgeschritten und vor allem bei Grenzstein Nummer 57 gezielt nach dem »Lägerstein« mit dem Kreuz gesucht.

Dickes Moos auf altem Grenzstein

Der mehr als tausend Jahre alte Grenzstein lag tatsächlich unverändert und unbewegt nur einen halben Meter neben dem viel später gesetzten modernen Stein. Der riesige Felsblock war auf seiner Oberfläche mit einem zehn Zentimeter dicken Moospolster bedeckt. Die mühevolle Freilegung der Steinmitte
br
achte zunächst keinen Erfolg. Denn der Steinmetz hat vernünftiger Weise sein Zeichen in einen geeigneten Teil des Randbereichs der Oberfläche geschlagen. Erst bei der völligen Freilegung der Felsoberfläche kam das historische Zeichen ans Licht.

Das rund 20 Zentimeter lange und 15 Zentimeter
br
eite Kreuz ist etwa ein bis zwei Zentimeter tief in den harten, quarzitischen Sandstein gehauen worden. Die Längsachse verläuft parallel zur Grenze. Das Erstaunen der Forscher wuchs, als nach und nach bis zum Neustädter Tor insgesamt elf mit einem Kreuz versehene Lägersteine entdeckt wurden, die sich exakt auf der Grenze befanden. Dass selbst der Lohrer Studienprofessor Joseph Schnetz (in: Ältere Geschichte von Neustadt am Main) bei einer Nachsuche im Jahr 1914 nur einen einzigen Lägerstein beim Abschreiten der Grenze fand, liegt mit Sicherheit an der Tatsache, dass alle im Wald liegenden Sandsteine von einer dichten, filzigen Pflanzendecke überzogen sind.

Bei der Grenzerforschung wurde in einigen Abschnitten der Grenze zudem ein Landwehrgraben entdeckt. Dabei handelt es sich um ein durchgehendes Grabensystem, das direkt auf der Grenzlinie liegt und diese optisch auch zwischen den Marksteinen sichtbar macht. Mit »Landwehr« wurden in historischer Zeit Befestigungen der Grenzlinien durch Wälle, Gräben oder Pflanzen bezeichnet. Nur in wenigen Gemeinden Frankens haben sich solche Landwehrsysteme erhalten. Vielfach wurden sie beim Wegebau vernichtet, wenn sie nicht schon vorher durch Wind und Wetter abgetragen oder aufgefüllt worden waren.

Schließlich stießen die Lohrer Forscher bei ihrer Suche nach ältesten Kulturzeugnissen auf ein geheimnisvolles Steinmetzzeichen. Der Quellaustritt des Ruh
brunnens (früher Erphenbr
unnen), der auf dieser Grenze liegt, wurde einst mit einer Brunnenstube gesichert, die ihn vor Trittschäden bewahrte. Als die von allen Seiten überhängenden Gras- und Moosdecken mühevoll beseitigt waren, kam auf einem der senkrecht stehenden Sandsteine eine schöne Steinmetzarbeit zum Vorschein. Exakt wurde dort eine 10 Zentimeter große Raute eingehauen, die fein säuberlich scharriert ist (mit dem Scharriereisen bearbeitet).

Die Lohrer Forschergruppe ist der Überzeugung, dass sich bei ihren nächsten Exkursionen weitere Kulturzeugnisse finden lassen, die in die früheste Zeit der Besiedlung und Erschließung der weitläufigen Wälder des Ostspessarts zurückreichen. Als Beispiel verweisen sie auf die vorchristliche keltische Wallanlage auf dem Gaiberg oberhalb von Neustadt, die nur eine halbe Wegestunde vom Erphen
br
unnen entfernt liegt.


 

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