Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
Bild: Klaus Weyer, 2006
Bis ca. 12 Meter Höhe sieht man an der Nordseite den frühkarolingischen Turm mit den karolingischen Kreisfenstern, rechts der handbreit zugemauerte Spalt zur Kirche
   

Bild: Klaus Weyer, 2006
Links unten die zugemauerte Tür an der Ostseite des ehemals freistehenden Turmes
   

Bild: Klaus Weyer, 2006
Skizze der zugemauerten Tür an der Ostseite des ehemals freistehenden Turmes, von Walter Boeckelmann, 1946
   

Bild: Klaus Weyer, 2006
Von Innen kann man die frühkarolingischen Lichtöffnungen, wie hier Richtung Süden, an allen vier Seiten sehen
  Der freistehende karolingische Turm 

Erstellt am 27.8.2006

 

 

Das korolingische Kloster mit Vierungskirche.

Der freistehende Turm

 

Quelle: Walter Boeckelmann, Die Stiftskirche zu Neustadt am Main, Seite 10 bis 12, Berlin 1965, Deutscher Verein für Kunstwissenschaft.

Anmerkungen, Korrekturen bzw. Ergänzungen von mir in kursiver Schrift.

 

Ursprüngliche Isoliertheit

Die alte Anlage besaß einen freistehenden Turm – fraglich, ob zum Münster (Vierungskirche) oder zum Claustrum gehörig –, der heute noch aufrecht steht. Man hat ihn bei dem Bau des Münsters II (Romanische Basilika um 1100, am Platz der heutigen Kirche) am Anfang des zwölften Jahrhunderts in den neuen Kirchenkörper einbezogen.

 

Seitdem fungiert er als der nördliche der beiden großen Osttürme an der jüngeren Abteikirche und heutigen Pfarrkirche. Der nordöstliche Kreuzeswinkel, nämlich die Nordmauer des Chorquadrums, wurden schon um 1100 an den älteren Turm angebaut. Das geschah ohne inneren Verband, zum Querhaus hin gar mit einer handspannbreiten Kluft, die mit Mauerwerk ausgefüllt wurde (Siehe Bild).

 

Es gibt noch mehrere bauliche Zeugnisse dafür, dass der Turm ursprünglich frei gestanden hat.

  1. Die alten Turmecken, in großen Quadern ausgeführt, laufen scharfkantig auch am Zusammenstoß mit dem jüngeren Kirchenkörper durch.
  2. Das Querhaus hat einen Schrägsockel, der am alten Turm nicht weiter ausgeführt ist.
  3. Die niedrig gelegenen kleinen Lichtöffnungen in der Nordwand des Turms setzen eine wesentlich tiefere Fußbodenanlage als in der angebauten Kirche voraus.
  4. Im ursprünglichen vierten Geschoß sind allseitig kleine Lichtöffnungen erhalten, auch gegen Süden und Westen, wo sie, durch den späteren Kirchenanbau verblendet, Sinn und Zweck verloren haben.

 

Zeitdifferenz

In der Höhe des Dachfußes des neuen Querhauses befinden sich zwei gekuppelte Rundbogenfenster, die wohl früher als Klangarkaden dienten. Ihre Formen, besonders die eingestellte Mittelsäule und ihr Kapitellaufsatz, weisen in das elfte Jahrhundert. Im Inventar wird darum gefolgert, dass der isolierte Turm in eben diesem Jahrhundert erbaut worden sei.

 

Hier muss eingewendet werden, dass nur der obere Teil des alten Turmes mit jenen gekuppelten Fenstern dem 11. Jahrhundert angehören dürfte.

Der unterste Turmbestand ist wahrscheinlich älter und dürfte in die karolingische Epoche hinabreichen. Denn die Formen im Unterteil sprechen eine frühe Sprache.

 

Ältester Formenbestand, die Kreisfenster

Die zuunterst sichtbare Öffnung auf der Nordseite hat die typische Form karolingischer Kreisfenster (siehe Bild). Das Rund mit lichtem Durchmesser von 21 Zentimetern ist aus zwei gleichgroßen, zum Quadrat gefügten Sandsteinen mit senkrechter Naht geschnitten, welche die Höhe von drei Mauerzeilen einnehmen und außen bündig mit der Mauer sitzen. An das trichterförmige Gewände ist ein drei Zentimeter breiter und tiefer Falzring für den Fensterschluss angearbeitet. Ob sich dahinter Löcher für Fensterriegel befanden, muss dahingestellt bleiben.

 

Die innere Mauerverstärkung und Zublendung im 19. Jahrhundert versperrt hier eine restlose Untersuchung. Bedeutsam ist, dass der runde Fensteranschlag fast ganz an der Außenflucht sitzt, was nur noch in Büdingen, Oberhessen (8. Jahrhundert) und in Steinbach im Odenwald (821/27) der Fall zu sein scheint, während er sonst in der Mauermitte liegt und die Öffnung sich nach innen und außen trichterförmig erweitert (siehe Heinrich Walbe, 1940/41, Seite 177 + 183).

Hier dürfte ein sicheres Kennzeichen karolingischer Herkunft vorliegen.

 

Ältester Formenbestand, die Türeinfassung

Auf der Ostseite des Turmes zeichnet sich im Mauerwerk ein rundbogiger Türrahmen ab. Die Schwelle und der untere Teil der Pfosten stecken im Kulturboden. Der Bogen ist aus keilförmigen, konzentrisch geschnittenen Steinen gefügt. Sie zeigen ganz erhebliche Breitenunterschiede, die beiden Bogenanfänger und der Schlussstein sind sehr breit (breiter als hoch), die wenigen dazwischen gestellten Steine (nur fünf) sehr viel schmaler, die parallele Fugenbegrenzung sehr eng. Die senkrechten Pfosten sind ebenfalls aus ungleich breiten Quadern gebaut und weisen sehr unterschiedliche Längen auf, die z. T. weit in das angrenzende Mauerwerk greifen, also stark verzahnt sind. Noch können wir die Art der Oberflächenbehandlung wahrnehmen; die Keilsteine wurden grob angespitzt.

 

Dieser Türrahmen dürfte ebenfalls in karolingische Zeit zurückgehen. Und hier sind wir – anders als bei den Kreisfenstern, wo eine spätere Einfügung noch als möglich angesehen werden kann – ganz gewiss, dass Türrahmen und Kernbau gleichzeitig entstanden sind. Denn die an den Bogen grenzenden Mauersteine wurden am Stoß für das benachbarte Rund zugerichtet, und die Rauhmauer ist hier vollkommen einheitlich erhalten. Schon in früher Zeit muss die Türöffnung wieder zugesetzt worden sein. Füllung und umgebende Mauer zeigen keinen Unterschied.

 

Nun besitzt die Türeinfassung noch ein Merkmal, welches die vermutete Zeitstellung noch gewisser macht. Das innere Bogenrund ist etwas weiter gespannt als die seitlichen Gewände; der Bogenfuß springt über dem Kämpferstein seitlich zurück (beiderseits je 3,5 cm). Diesen Rücksprung kann man auch in Büdingen (8. Jahrhundert), Lorsch (vor 800) und Aachen (um 800) beobachten (vgl. Heinrich Walbe, 1940/41, Seite 183, Abb. 170).

In Büdingen fand man noch den dazugehörigen hölzernen Sturzbohlen vor. So wird auch auf unserem Gewändevorsprung ein Sturzbalken aufgelegen haben, der auf Gehrung geschnitten war und neben dem steinernen noch durch ein hölzernes Gewände gestützt wurde. Übereinstimmende Anordnung von Sturz, Entlastungsbogen und seitlichem Gewände bei jenen Bauten weist den Neustädter Türrahmen in die gleiche Entstehungszeit. Und damit auch das Untergeschoß des Turmes.

 

 

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