Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
Bild Vierung: Klaus Weyer
Die frühkarolingische, abgeschnürte Vierungskirche. Im Hintergrund die neuere Basilika (links) und der winkelförmige Wandelgang aus dem Jahre um 1170
   

Bild: Klaus Weyer
Im Hintergrund die Nordmauer des Vierungsturmes (jetzt Südwand des Pfarrhauses) mit zwei Vierungsturmfenster aus karolingischer Zeit
   

Bild: Klaus Weyer
Man erkennt deutlich die alte und neue Bogenöffnung und die alte und neue angesetzte Kämpferplatte
   

Bild: Klaus Weyer
Das Vierungsmodell wurde 1969 zur 1200 Jahrfeier hergestellt und von Friedbert Greßer aus Neustadt restauriert
  Die Neustädter Vierungskirche 

Erstellt am 15.8.2006

 

 

Das korolingische Kloster mit Vierungskirche.

Die Klosterkirche an der „Neuen Statt“

 

Der Kunsthistoriker Prof. Dr. Walter Boeckelmann schreibt über die Vierungskirche in Neustadt am Main in seinem Brief an das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege in München.

Hier ein Auszug:

 

Die baugeschichtliche Bedeutung ist erstrangig.

B1:       Der Neustädter Vierungsbau stellt mit dem Bau in Pfalzel bei Trier die einzige noch bestehende abgeschnürte Vierung aus frühkarolingischer Zeit in Deutschland dar.

B2:       Die hohe Nordwand in Neustadt ist der einzige tatsächliche Zeuge eines frühkarolingischen Vierungsturmes, und zwar mit Turmfenstern.

B3:       Für die Plattenbogen, Kämpferplatten und –profile am Vierungsbau gibt es außer an der Torhalle in Lorsch keine vergleichbaren zeitgenössischen Beispiele.

B4:       Die eigenartige Kirchenform, vierarmiger Kreuzbau mit quadratischer Vierung, ist bisher nur noch in Pfalzel und in Mattlach nachgewiesen worden.

B5:       Aufrecht stehende Kirchenbauten aus frühkarolingischer Zeit gibt es in Deutschland überhaupt nur in Lorsch, Neustadt und Pfalzel.

B6:       Die Neustädter Kirchenanlage ist eines der wichtigsten Denkmäler für die Entstehung des so genannten quadratischen Schematismus und gebundenen Systems im karolingischen und romanischen Kirchenbau. In diesem Sinne ist der Neustädter Vierungsbau für die deutsche Baugeschichte sehr viel wichtiger als die Marienbergkirche in Würzburg.

 

Die kirchen- und kulturgeschichtliche Bedeutung ist erstrangig.

K1:       Der Neustädter Vierungsbau ist der einzige aufrecht stehende Bauzeuge aus der frühesten Zeit der Würzburger Bischofs- und Klostergeschichte und überhaupt das einzige frühkarolingische Baudenkmal, das in Mainfranken sich noch erhebt.

K2:       Die Neustädter Vierungskirche wurde erbaut von Megingaud, dem ehemalige zweiten Würzburger Bischof, der noch von Bonifatius persönlich eingesetzt wurde.

K3:       Das Neustädter Denkmal ist eine der aufschlussreichsten Urkunden für das Christentum und für die Herrschaftsverhältnisse in frühen Mainfranken und weit darüber hinaus für die Entstehungsgeschichte der karolingischen Baukunst.

 

Anmerkungen von mir zu den baugeschichtlichen Bedeutungen:

Zu B3 und B5:

Das Klosters Lorsch wurde 1991, vor allem wegen der karolingischen Königshalle in die Liste des Weltnatur- und Kulturerbes der UNESCO aufgenommen.

Zu B6:

Der älteste, heute existierende Kern der Marienbergkirche in Würzburg entstand im 11. Jahrhundert.

 

 

Anschließend Auszüge aus dem Buch von Walter Boeckelmann

DIE STIFTSKIRCHE ZU NEUSTADT AM MAIN

Berlin 1965

Deutscher Verein für Kunstwissenschaft

 

Der erhaltende Oberbau der Vierungskirche, Baubeschreibung

 

Grundform:

Der Grundriss bildet ein Quadrat.

Eine Quadratseite misst innen knapp sechs Meter, außen, d.h. zusätzlich der Mauerstärken, reichlich sieben Meter.

Die Längen differieren außerordentlich wenig: die inneren bis fünf, die äußeren bis siebzehn Zentimeter.

Solche Unterschiede sind für die frühe Baupraxis und bei dem hohen Alter des Gebäudes belanglos. Die Mauern sind sechzig Zentimeter stark. Die Grundform kann gar nicht einfacher sein.

 

Material:

Aufgebaut sind die Mauern ebenfalls aus den einfachen Elementen. Wir müssen nur einstweilen von den glatten, vorlauten Laibungs- und Eckquadern absehen, die jüngeren Perioden angehören. Was sie einfassen, stellt den ursprünglichen Befund dar. Der ist übrigens wohlerhalten.

Es sind zum ganzen Bau nur Findlinge verwendet worden, kleine und große Steinbrocken, die der umgebende Waldboden lose und verstreut in Fülle aufweist. Man brauchte sie nur aufzuheben und herbeizuschaffen. Dass sie nicht aus Steinbrüchen, etwa vom nahen Gaiberg oder aus den mächtigsten zwischen Stadtprozelten und Miltenberg am Main, herstammen, sieht man ihnen an.

Etc.

 

Bogenöffnungen:

Wenden wir uns der großen Toröffnung auf der Südseite zu, die unsere volle Aufmerksamkeit beanspruchen darf.

Es sei nochmals daran erinnert, dass wir die Laibung- und Bodenquader mit den glatten Spiegeln und feinen Fugenschnitten wegdenken müssen. Also war die Öffnung ursprünglich wesentlich größer. Wir entdecken auch die alte Rund-Bogenkonstruktion über der jüngeren. Die alte fällt weniger auf, zumal sie stellenweise mit Zement verschmiert und innen z. T. mit dickem Putz verkleidet ist.

Etc.

 

Kämpfer:

Der Bogen fußt auf der Kämpferplatte. Was wir als Profil sehen ist in Wirklichkeit eine Steinplatte, welche die ganze Mauerdicke durchstößt und im Rauminnern wider vorkargt. Gewöhnlich ist diese Platte nicht viel größer als der Bogenanfänger, den sie zu tragen hat. Hier aber erstreckt sie sich noch weiter.

Etc.

 

Kämpferprofil:

Für das Auge bedeutet das Gesims des Kämpfers die wichtigste Horizontal-Zäsur. Das Profil besteht aus der oberen Platte, einer steilen Kehle (von einem Fünftel-Kreisbogen) zwischen je einem Plättchen, dem Rundstab. Alle Elemente springen treppenartig nach unten zurück und bewirken dadurch einen kräftigen Schatten. Das Profil stellt das einzige am Bau noch vorhandene Zierglied dar. Es liegt nahe, seine Form mit anderen aus der gleichen Zeitperiode zu vergleichen. Wir finden denn auch manche verwandte Bildung, u. a. in Lorsch am Altenmünster auf der Kreuzwiese, in Fulda auf dem Petersberg, am Marienmünster auf der Insel Reichenau im Bodensee, an der Abteikirche zu Corvey an der Weser.

Etc.

 

Die wenigen Bestandteile, die monumentale Einfachheit, die kleinen kantigen Zwischenstäbe (Plättchen) und das Verhältnis der Vorkragung zur Gesamthöhe des Kämpfers gleich 1:2 machen eine frühe Zeitstellung unseres Profiles glaubhaft.

 

Jüngeres Gewände:

Man hat, wie bereits angedeutet, den ganzen Torrahmen später gestützt, indem man die Öffnung um 80 Zentimeter weiter verengte. An die ursprünglichen Gewände wurden glatte Quader angesetzt, die z. T. in die alten Pfeiler einbinden. Aber alter und neuer Bestand können klar unterschieden werden, da jener aus Bruchsteinen, dieser aus großen, mit der Glattfläche fein abgearbeiteten Quadern (Breiten 36 bis 58 cm, Höhen 18 bis 29 cm, Randschlag 4 cm) engst gefügt wurde. Am südlichen Gewände entdecken wir ein Steinmetzzeichen, welches die spätere Zeit bezeugt.

Etc.

 

Schließlich finden wir auch die Kämpferplatte täuschend angestückt. Dem oberflächlichen Blick wird ein einziger ungeteilter Kämpfer suggeriert, der bis über das jüngere Gewände hinaus durchliefe. Alte und neuere Platte sind werkmäßig gleich behandelt. Bei näherer Untersuchung stellen wir fest, dass das alte Profil, vollständig erhalten, durch die Mauerdicke, also um den ganzen alten Kern herumläuft. Wir erkennen sowohl an der Außen- wie auch an der Innenwand die trennende Fuge. Und endlich bemerken wir, dass dem neueren, angeglichenen Profil der untere Rundstab fehlt. An seiner Stelle liegt ein kantiges Plättchen.

Etc.

 

Damit haben wir in unser Bewusstsein aufgenommen, was sich auf der Südseite des Geviertbaues an Altem vorfindet. Und die übrigen drei Seiten? Sie zeigen dasselbe. Alles bisher Wahrgenommene – Breitenmaß, Steinmaterial und –textur, alte und neuere Bogenöffnung, auch die waagrechte Scheitelfüllung, Höhe, Länge und Profil des Kämpfers – treffen wir gleicherweise auf allen vier Seiten an. Das ist das Merkwürdige: unser Bau hat nicht nur den quadratischen Grundriss, sondern den vierseitig gleichen Anbau.



 

  Suchen & Sitemap 

Suchen + Sitemap
Copyright 2005-2014, Klaus Weyer
*