Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
Bild von Martina Schneider
Schwester Albertina und Winfried Bils bereiten ein Treffen der Gruppe „Trauernde Angehörige“ im Kloster in Neustadt vor.
  Alleinsein lernen - Stück für Stück 

Erstellt am 06.09.2007

 

 

Erschienen in der Mainpost am 18. August 2007, Bild und Text von Martina Schneider

Alleinsein lernen – Stück für Stück

Gesprächskreis „Trauernde Angehörige“ im Kloster in Neustadt am Main ist gefragt

 

 

Stirbt ein geliebter Mensch, egal ob er alt und krank war oder jung und gesund, ob nach langem Leiden oder ganz plötzlich, stehen Angehörige immer fassungslos vor der Lücke, die zurückgeblieben ist. Viele vergraben sich in sich selbst, können nicht reden, nicht weinen, keine Gefühle zeigen. Jeder Mensch geht anders mit seiner Trauer um. Viele sind dankbar für Hilfe, hat Schwester Albertina erfahren. Vor drei Jahren bot die Dominikanerin in Neustadt erstmals ein „Treffen trauernder Angehöriger“ an.

 

„Ich habe gespürt, dass die Menschen das brauchen“, sagt die Ordensfrau, die 1958 in Neustadt ins Kloster eintrat und seither in der Gemeinde wirkt und arbeitet. Während sie in der pfarrerlosen Zeit – Pfarrer Rudolf Langhans' war in Ruhestand gegangen und Pfarrer Alkuin Mahrs war noch nicht da – die Gemeinden Neustadt und Erlach betreute, habe sie sich verantwortlich gefühlt für die Menschen, die hier leben. Sie besuchte die Kranken, sprach mit den Sterbenden und tröstete Angehörige.

 

„Ich bin nicht als Missionarin gegangen, sondern als Mensch“, sagt Albertina. Durch die Gespräche habe sich der Weg ergeben, den die 76-Jährige heute geht. Ein Weg, auf dem sie trauernde Menschen unterstützt. Ein Angebot, das offenbar eine Lücke schließt: Die Gruppe der trauernden Angehörigen hat sich inzwischen verdreifacht. Längst kommen nicht mehr nur Menschen aus Neustadt und Erlach, sondern auch aus der näheren und auch weiteren Umgebung zu den Treffen ins Kloster St. Josef nach Neustadt.

 

Winfried Bils aus Neustadt unterstützt die Dominikanerin in ihrer Arbeit. Vor vier Jahren starb seine Frau, die er zuvor fünf Jahre lang begleitet, betreut und gepflegt hat. Der 65-Jährige weiß, wie wichtig es ist, zu trauern. „Das Thema wird heute oft ausgespart. Das Traurigsein wird nicht mehr zugelassen“, hat er erfahren. „Man erwartet, dass der trauernde Mensch nach einer Zeit wieder zu seiner alten Form zurückfindet.“ Auch wüssten Außenstehende oft nicht, wie sie mit Trauernden umgehen sollen. „Man spricht sie nicht an, aus Angst, etwas Falsches zu sagen“, sagt Bils. Dabei sei gerade das Reden so wichtig in der Zeit, in der ein Mensch trauere. „Die Betroffenen wünschen sich menschliche Nähe und dass ihnen jemand zuhört – das ist das Allerwichtigste, einfach nur zuzuhören.“

 

Das Treffen im Kloster zieht Kreise, die Gruppe wächst. „Es kommen immer wieder Neue hinzu“, erzählt Schwester Albertina. Sie hat mit dieser Nachfrage nicht gerechnet. „Ich habe das mit Vertrauen begonnen, es ist gewachsen.“ Winfried Bils habe sie sich als Unterstützung geholt.

 

„Ohne ihn könnte ich das nicht machen“, sagt die Dominikanerin. Die beiden haben die Aufgaben verteilt. Während Schwester Albertina den seelischen und religiösen Part übernehme, stehe er mehr für den „praktischen Part“, sagt Bils. Er versuche, die Betroffenen mit praktischer Hilfe wieder aufzubauen, ihnen zu helfen, wieder Licht in ihr Leben zu bringen, sich an schöne Erlebnisse zu erinnern, wieder den Blick für die kleinen Dinge des Lebens zu bekommen.

 

Bils weiß: „Es ist eine harte Zeit für den Betroffenen.“ Deswegen sei es ihm wichtig, den Betroffenen einen Teil seiner eigenen Erfahrungen weiter zu geben. „Man muss das Alleinsein lernen – Stück für Stück“, sagt er. Deswegen sei es für den Trauernden auch sehr wichtig, dem Tag wieder einen Rahmen zu geben.

 

Man könne nicht erwarten, dass der Trauernde schon nach kurzer Zeit „wieder zur alten Form zurückfindet“, erklärt Bils. Er weiß: „Es gibt kein Allheilmittel, kein Rezept.“ Wichtig sei die Begleitung der Trauernden. Zurzeit stehen Schwester Albertina und Winfried Bils vor der Frage, wie sie die große Gruppe „Trauernder Angehöriger“ weiter führen sollen. Sie überlegen, ob sie die große Gruppe lassen, sie aber zusätzlich noch aufteilen in kleinere, spezifischere Gesprächskreise. „Wir werden mit den Betroffenen sprechen, um zu erfahren, ob Bedarf da ist“, sagt die Ordensfrau.

 

 

„Trauer ist gesellschaftlich nicht anerkannt“

Gesprächskreis in Neustadt am Main ist im Landkreis Main-Spessart in seiner Art einmalig

 

Sie fühlen sich aufgehoben, getragen und auch ein Stück weit sicher in der Gruppe der „Trauernden Angehörigen“, die Schwester Albertina in St. Josef in Neustadt leitet (siehe oben stehenden Artikel). Drei teilnehmende Frauen, die anonym bleiben wollten, sprachen mit der MAIN-POST über ihre Trauer, ihre Gefühle und Bedürfnisse. Die Redaktion hat ihre Namen geändert.

 

Seit etwa einem Jahr ist Gabriele in der Gruppe. Sie hat vor einigen Jahren ihren Mann verloren und lange nach einem Gesprächskreis für trauernde Angehörige gesucht. Eine Bekannte habe sie damals mitgenommen nach Neustadt, darüber sei sie heilfroh gewesen. „So eine Gruppe ist enorm wichtig. Jeder wird hier so angenommen, wie er ist. Jeder kann sich mitteilen oder einfach nur zuhören. Und: Jeder kann von jedem profitieren und bekommt Hilfe.“

 

Der gegenseitige Austausch ist wichtig, sagt Gabriele. Die Hilfe für die Alltagsbewältigung, die Winfried Bils den Betroffenen anbiete, gebe vielen wieder Anregung für den Tag. Gabriele fühlt sich gut aufgehoben. Sie weiß aber, dass sie auch schon weiter ist als andere, bei denen der Tod eines geliebten Menschen noch ganz frisch ist. „Es muss erst eine gewisse Zeit vergehen, bevor man bereit ist, in eine Gruppe zu gehen und auch darüber zu sprechen“, sagt sie. Trauer brauche Zeit. „Man muss es aushalten können, man hat keine Chance.“ Gabriele macht die Größe der Gruppe nichts aus. Sie möchte auf jeden Fall dabei bleiben, denn „diese Gruppe ist eine große Hilfe.“

 

Seit dem Frühjahr dabei ist Elisabeth. Sie hat ein erwachsenes Kind verloren. Auch sie fand über eine Bekannte nach Neustadt. „In der Gruppe fühle ich mich gut aufgehoben“, sagt sie. Es seien andere Betroffene dabei, die das gleiche erlebt haben. „Da fällt es mir leichter, zu reden.“ Die große Gruppe sei ihr fast ein bisschen viel gewesen. Elisabeth kann sich vorstellen, dass man sich in kleinen Gruppen mit Betroffenen, die das gleiche Schicksal teilen, intensiver austauschen kann.

 

Halt finden in der Gruppe

 

Über den Hospizverein in Lohr hat Susanne von der Gruppe in Neustadt erfahren. Seit dem vergangenen Herbst kommt sie regelmäßig ins Kloster. „Es gibt nichts Vergleichbares im Landkreis Main-Spessart“, sagt sie. Für sie ist die Kontinuität sehr wichtig. „Wenn ein geliebter Mensch stirbt, fällt man plötzlich und es ist kein Halten mehr.“ Susannes kleiner Sohn starb durch einen Verkehrsunfall. Die Gruppe gebe ihr wieder ein Stück weit Halt. Schwester Albertina gebe den Treffen stets einen besonderen Rahmen. „Sie bereitet immer alles so schön vor und lädt alle persönlich ein.“ Das ist auch etwas, das Susanne freut, denn es gebe immer wieder Tage, da habe der Trauernde keine Kraft mehr, selbst irgendeine Initiative zu ergreifen. Deshalb rührt Susanne die persönliche Einladung der Ordensfrau sehr.

 

„Man muss es aushalten können, man hat keine Chance.“

Teilnehmerin des Gesprächskreises über den Umgang mit der Trauer

 

„Ich weiß nicht, wo ich wäre, wenn ich die Gruppe nicht gefunden hätte“, sagt Susanne. Sie wünscht sich, dass noch mehr Betroffene den Weg nach Neustadt finden. „In der Gruppe ist Rahmen da für Gefühle, man kann weinen, wenn einem danach ist, man muss nichts zurückhalten.“ Susanne weiß schon, dass es vielen Menschen schwer fällt, über Trauer zu sprechen. „Trauer ist gesellschaftlich nicht anerkannt.“

 

Doch sie weiß auch: „Trauer ist sehr viel Gefühl und man muss darüber reden, man muss es auch rauslassen.“ Und: „Es gibt nie genug Freunde und Menschen, die das aushalten können.“ Susanne befürwortet die Idee der Ordensfrau, auch kleine Gruppen anzubieten. Sie bewundere die Kraft der Dominikanerin. „Schwester Albertina ist ein Vorbild, für andere da zu sein.“

 

Nichts Vergleichbares bekannt

 

„Ich denke, dass Schwester Albertina da Enormes geleistet hat“, sagt Herbert Scheuring, Redakteur der MAIN-POST und Autor des Buches „Wege durch die Trauer“ sowie der gleichnamigen Serie in dieser Zeitung. Bei einem seiner Vorträge habe ihn die Ordensfrau angesprochen und ihn in die Gruppe eingeladen. Etwas Vergleichbares kenne er in der Umgebung nicht, sagt Scheuring. „Ich bewundere die Art und Weise, wie sie diese Gruppe ins Leben gerufen hat und sie betreut.“

 

Schwester Albertina hatte während ihrer Zeit als Pastoralreferentin in Neustadt und Erlach trauernde Menschen aus beiden Orten ins Kloster eingeladen. „Ihr sitzt alle daheim in euren Häusern und trauert alleine, kommt doch alle ins Kloster“, habe sie sie ermuntert und lächelt: „Und sie sind tatsächlich alle gekommen.“ Das sei der Grundstein gewesen für die Gruppe „Trauernde Angehörige“, die für viele Betroffene heute ein Segen ist.

 

 

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