Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
Leinreiter
August Greßer im Jahre 1943
   

Leinreiter in Lohr
Ein Ausschnitt aus dem Merianstich von 1648 zeigt das rechtsmainische Ufer von Lohr.
   

Treideln
Es wurde immer mit mehreren Pferden getreidelt
  Die letzten Leinreiter - Anton und August Greßer 

Erstellt am 20.03.2005, ergänzt am 25.07.2012



Zur damaligen Zeit gab es noch keine Motorgetriebenen Schiffe und so zogen die Pferde von Land aus, mit Hilfe von Leinen, die Schiffe Main aufwärts. Man nannte diesen Fuhrunternehmer „Leinreiter“. Mein Urgroßvater Anton Greßer und auch mein Opa August Greßer zogen die Schiffe im Flussbereich von Lengfurt bis Karlstadt, wahrscheinlich Wernfeld oder Retzbach.

Anton Greßer stammte aus einer alt eingesessenen Fuhrwerks-Familie und hatte damals 8 Pferde im Stall stehen. Opa August erzählte mir, dass einmal beim Wechsel der Zugtaue, in der Nähe von Karlstadt, alle 6 Pferde in den Fluss gezogen wurden.

Da Anton Greßer damals schon gute Beziehungen zu den „höheren Stellen“, der Mainausbau-Gesellschaft hatte durfte er auch das Material für die Uferbefestigungen längs des Maines liefern. Die gestoßenen und behauenen Steine stammten aus den umliegenden Steinbrüchen. Der größte Steinbruch hier am Ort war am Gaiberg, in der Nähe des keltischen Ringwalls.

 

Anton Greßer wurde am 31.05.1866 in Neustadt geboren. Er ist am 23.01.1917 in Urmitz / Rheinland in Folge eines Arbeitsunfalls gestorben.

Sein Sohn, August Greßer, wurde am 18.11.1884 in Brooklyn, USA geboren. Er ist am 09.02.1963 in Neustadt am Main gestorben.

 

Von Alfred Greßer im Juli 1996 aufgeschrieben.

Einige Angaben stammen aus Erzählungen von Anton Auth.

 

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Anmerkungen:

 

Leinreiter waren jene Männer, die mit ihren Treidelpferden Lastkähne auf dem Main flussaufwärts zogen. Dafür stand ein eigens angelegter Leinpfad zur Verfügung. Bei uns war der Leinpfad auf Erlacher Seite. Die Leinreiter waren für den Schiffsverkehr unentbehrlich, denn die schwerfälligen Kähne konnten, selbst wenn sie Segel führten, nicht gegen die Strömung an.

 

Die Schiffe hatten einen Treidelmast, daran befanden sich bis zu 80 Meter lange Seile (Treidel, Treidelleine), die von starken Pferden gezogen wurden. Die Treidelleine sollte weder das Wasser noch den Uferboden berühren.

 

Die örtlichen Leinreiter durften jeweils nur auf einen bestimmten Flussabschnitt tätig werden. War dessen Grenze erreicht, übergaben die Leinreiter das Schiff an ihre Nachbarkollegen und ritten auf den Pferden zurück.
Im heutigen Landkreis Main-Spessart verlief der Pfad von Kreuzwertheim bis Lengfurt rechtsmainisch, von Lengfurt bis Lohr linksmainisch, also in Neustadt auf der Erlacher Seite. In Lohr wechselte der Pfad auf die rechte – die Lohrer Mainseite. Hier führte er vorbei an Gemünden, Wernfeld und Karlstadt.

Um die Pferde zu schonen, die, wie es damals hieß, dauernd „im Ham hingen“, wurde der Leinpfad nie gepflastert. Waren die Wege aufgeweicht oder bei Hochwasser überschwemmt, rutschten die Pferde immer wieder aus und drohten in den Strom gezogen zu werden. Auch konnte das Schiff bei schwierigen Strömungsverhältnissen oder durch Unachtsamkeit des Steuermanns vom Ufer zur Strommitte getrieben werden. Die Pferdekräfte reichten dann nicht immer aus, um das Schiff zurückzuhalten. Die Treidelknechte führten Beile oder Messer mit sich, um im Notfall die Seile zur Rettung ihrer Tiere kappen zu können. Sie saßen einseitig auf den Pferden, um bei Gefahr schnell abspringen zu können.

In einem Vertrag zwischen den Rangschiffern von Würzburg, Kitzingen, Schweinfurt und Bamberg von 1838 verpflichteten sich die Pferdebesitzer, das Schleppen der Schiffe von 42 Rangschiffern zu Berg zu übernehmen. Folgende Stationen, Fahrzeiten und Schlepplöhne wurden vereinbart:
Kreuzwertheim-Marktheidenfeld oder Lengfurt, 1/2 Tag, 3 Gulden (fl) 30 Kreuzer (kr);
Marktheidenfeld oder Lengfurt-Lohr, 1/2 Tag, 3 fl 30 kr.;
Lohr-Wernfeld, 1/2 Tag, 2 fl 15 kr.;
Wernfeld-Retzbach, 1/2 Tag, 2 fl 30 kr.;
Retzbach-Würzburg, 1/2 Tag, 3 fl.
Für rund 20 Kilometer benötigte ein Schleppzug also ungefähr einen halben Tag, wobei in der Zeit von Ende September bis 1. April Zeitzuschläge berechnet wurden. In den niederschlagsreicheren Monaten wurde von Kreuzwertheim bis Wernfeld ein halber Tag mehr einkalkuliert, von Wernfeld bis Würzburg waren es vier Stunden zusätzlich.
Die Pferdebesitzer verpflichteten sich, auf den einzelnen Stationen auch andere Schiffe zu treideln. Die Pferdehalter mussten genügend eigene oder angemietete Pferde stellen, ebenso das Zuggeschirr. An jeder Station mussten frische Pferde bereitstehen.

Auf alten Stichen und Gemälden wirken die Treidelpferde und ihre Reiter in idyllischer Umgebung recht romantisch. Tatsächlich waren die Arbeitsbedingungen für Tier und Mensch aber alles andere als beschaulich. Die Arbeit der Treidelpferde und ihrer Leinreiter war hart und gefährlich.

 

Leinreiter gab es allgemin schon im 6. Jahrhundert.

Treidelwege ("Leinpfade") sollten nach einem frühen Erlass des Merowingerkönigs Childerich I (König der Salfranken) von 558 an einer Seite eine Rute breit sein, also etwa 3 bis 5 Meter. (Quelle: Volk, S. 445, Anm. 133)

Ihre Zeit war am Main erst vorbei, als bei uns die Kettenschifffahrt ab 1896 aufkam. 

 

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Begriffserklärungen:

 

Leinreiter = Treidelleine-Reiter

Leinpfad oder Treidelpfad = Der Weg am Ufer eines Flusses, auf dem die Pferde liefen um ein Schiff flussaufwärts zu ziehen.

Treidel = Tau (Hanfseil) zum Ziehen eines Schiffes vom Ufer aus, bis zu zwei Zoll dick.

treideln = vom Ufer aus Schiffe auf einem Kanal oder Fluss ziehen (engl. trail),

tragulare = schleppen,

tragula = Schleppnetz (spätlat.)

 

 

 

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