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Kirche St. Gertrud in Nivelles
Die Kirche St. Gertrud in Nivelles, Belgien.
  St. Gertrud bzw. Gertraud von Nivelles 

Erstellt am 26.12.2005, zuletzt korrigiert am 28.05.2012

 

 

Ein Abstrakt aus dem Bericht von Bernhard Schemmel, Sankt Gertrud in Franken, WDGB Band 30, 1968, Seite 7 - 153..

Erweitert um Zusatzinfos von Klaus Weyer.

 

Gertrud von Nivelles

"Gertrud" ist althochdeutsch und heißt "die Speerstarke" (Gertraud, ahd. ger „Wurfspeer”, drud „Kraft”).

Geboren 626 in Nivelles.

Gestorben 17. März 659 in Nivelles, laut der Vita Geretrudis.

 

Festtag 17. März.

 

Die historische Heilige, auf die die Überlieferung von St. Gertrud in Franken bezogen werden muss, ist Gertrud von Nivelles, deren Leben und Wirken so sicher bezeugt ist, wie nicht oft bei Heiligen der Merowingerzeit.

Als Tochter des 640 gestorbenen Hausmeiers in Austrien, Pippin des Älteren (I.), gehört sie dem Geschlecht der Karolinger an. Sie trat in das von ihrer Mutter Itta oder Iduberga gegründete Kloster Nivelles (Nijvel) in Brabant ein, wurde nach deren Tod 652 dessen alleinige Äbtissin und starb im 33. Jahr am Tag des hl. Patrick, dem 17. März, wahrscheinlich 659, nachdem ihr der irische "peregrinus" Ultan vom Kloster Fosses den Todestag und die Todesstunde verkündigt hatte.

 

Die Vita sanctae Geretrudis wurde kurz nach ihrem Tod um das Jahr 670 geschrieben.

Der Biograph ist ein Mönch in Nivelles, zugleich ein Zeuge ihres im dortigen Kloster 659 erfolgten Todes. Quelle: Monumenta Germaniae histtorica Scriptores rerum Merovingicarum.

Ihm zu Folge ist das brabanter Stift Nivelles, zwischen Brüssel und dem hennegauischen Gebirge gelegen, durch die Gemahlin Pippins I., Itta, nach 640 gegründet. Anfangs leiten Mutter und Tochter zusammen das Kloster. Dann ab 652, nach dem Tode von Itta, wird Gertrud alleine Äbtissin.

 

Ein wichtiges Ereignis für Gertrud wird in der Vita der hl. Gertrud, aus dem Lateinischen übersetzt von Ingrid Ringel, wie folgt beschrieben:

„Als ihr Vater Pippin den König Dagobert in seinem Hause zu einem vornehmen Essen geladen hatte, erschien dort ein unheilvoller Mensch, der Sohn eines austrasischen Herzogs, der vom König und den Eltern des Mädchens aus irdischem Ehrgeiz und wegen gegenseitiger Freundschaft begehrte, dass ihm das Mädchen gemäß Sitte der Zeit zur Ehe versprochen werde. Das gefiel dem König, und er riet dem Vater des Mädchens, dass in seiner Gegenwart jenes mit seiner Mutter herbeigerufen werde. Jene aber wussten nicht, aus welchem Grunde der König das Kind rufe, und als es vom König während der Mahlzeit gefragt wurde, ob es jenen mit Gold geschmückten und in Seide gekleideten Jüngling zum Bräutigam haben wolle, wies jenes — wie von Zorn erfüllt — ihn unter einem Eidschwur von sich und sagte, dass es weder jenen noch einen anderen Mann außer dem Herrn, Christus, zum Bräutigam haben wolle, so dass der König und die Vornehmen sehr verwundert waren über das, was von dem kleinen Madchen auf Geheiß Gottes gesagt worden war. Jener Jüngling aber ging bestürzt und voller Zorn weg. Das heiligmäßige Mädchen kehrte zu seiner Mutter zurück, und von jenem Tag an wussten seine Eltern, von welchem König es geliebt wurde.“

 

Wahrscheinlich war dieses Ereignis um 638. Ende 638 war Gertrud 12 Jahre.

Der Brautwerber war wahrscheinlich der Sohn von Herzog Adalgisel.

König Dagoberts regierte von Anfang 623 - 629 als Unter-König von Austrien, von 629 - 639 als Gesamt-König, ab 633 bis zu seinem Tode am 19. Januar 639 setzte er seinen Sohn Sigibert III. als Unter-König von Austrien ein.

Pippin der Ältere war Hausmeier in Austrien von 624 bis 633/34.

Ab 633/634, bis zum Tod von König Dagobert am 19. Januar 639, waren Adalgisel und Bischof Kunibert von Köln zusammen Herzog (Dux) von Austrien. Adalgisel ist dabei nicht zu verwechseln mit Ansegisel, ab 634 Ehemann von Begga.

639, nach dem Tod von Dagobert, war Pippin bis zu seinem Tod in 640 nochmals als Hausmeier tätig.

 

Pippin der Ältere wurde von 633/34 bis zum Tode von König Dagobert am 19. Januar 639, von diesem kaltgestellt.

War Pippin I. in der Zeit zwischen 633/34 und dem Januar 639 in Neustadt auf dem Michaelsberg und in Karlburg?

 

Nach dem Tod Pippins im Jahre 640 (Gertrud war laut der Vita 14 Jahre alt und mündig) gründet Itta auf Anraten Bischof Amands für sich und ihre Tochter ein Kloster. Allen möglichen Anschlägen auf das Heil der Seele ihrer Tochter bereitet Itta ein Ende, indem sie Gertrud das Haar „ad instar coronae“ abschneidet. Und Gertrud freute sich, schon in ihrem Leben die Krone empfangen zu dürfen, die sie einst der ewigen Krone würdig machen würde.

 

Der Vita sanctae Geretrudis wurden um 700 zehn postume Mirakel angefügt.

 

Die Virtutes s. Geretrudis, neu geschrieben um 700, berichtet, dass Begga, die Schwester der hl. Gertrud, 33 Jahre nach deren Tod (691) in Andenne ein Kloster gründete.

 

Der Vita sanctae Geretrudis wurden um 783 weitere postume Mirakel angefügt.

 

Kalendarien und liturgische Quellen des 8. Jahrhunderts nennen bereits Namen und Festtag der Heiligen, deren Kult sich im 10. Jahrhundert allgemein durchzusetzen beginnt; das bestätigen Reliquien- und Patrozinien-Erwähnungen.

 

In der Textvariante der zwischen 980 und 983 geschriebenen Ida-Vita ist Gertrud die Tochter „sancti Pipini regis“.

 

Der Interpolator der nächsten Lebensbeschreibung von Gertrud, gleichfalls ein Mönch aus Nivelles im 10. Jahrhundert, erzählt, dass Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach Franken entflohen sei und hier längere Zeit in dem von ihr gestifteten Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben geführt habe.

 

Im 11. Jahrhundert wurde die Vita der hl. Gertrud umgestaltet und erweitert zur so genannten Vita Gertrudis tripartita. Deren erster Teil ist eine Genealogie der Karolinger von den in der ersten Vita nur genannten Angehörigen der hl. Gertrud bis zu Karl d. Gr. und den Söhnen Ludwigs des Frommen.

Bei der Erzählung von der Zurückweisung des Freiers genügen der VGt nur einige Akzentverschiebungen, um die Episode von einer Flucht der hl. Gertrud nach Ostfranken einzufügen. Im Gegensatz zur vorherigen Vita (dort billigen die Eltern den Entschluss Gertruds, und das Geschehen wendet sich erst mit dem Haarschnitt vor der Aufnahme ins Kloster wieder Gertrud zu, nachdem von Prüfungen allgemein die Rede war) zweifelt Pippin auf Eingabe des Freiers nun daran, dass seine Tochter ihren Entschluss aus göttlicher Eingebung gefasst hat, und will sie zur Heirat zwingen. Gertrud muss nach Ostfranken fliehen, als sie von ihrer Mutter nicht länger mehr verborgen werden kann. Auf die Botschaft vom Tode des Freiers kehrt sie in ihre Heimat zurück, und mit dem Ereignis des bald darauf erfolgten Todes Pippins mündet die VGt wieder in die erste Vita ein.

 

Auch ihre frühzeitig erfolgte kirchliche Anerkennung steht außer Zweifel; ihr sind in Belgien allein mindestens bei vierzig Kirchen geweiht, A. SS. l.c.. pag. 475.

Gertruds Name steht im Rheinauer Martyrologium mitverzeichnet, welches dem 8. Jahrhundert angehört, und das nach ihr benannte Gertruidenburg am südlichen Ufer der Maas, das auf ihren Wunsch eingeweiht sein soll, wird schon 992 als eine Marienkapelle genannt. Reitberg, Kirchgesch. 2, 543. Überall treffen so die ihr beigelegten Stiftungen oder die von ihr gegründeten Kirchen mit den frühesten Anfängen des Christentums in Deutschland zusammen.

 

Gertruds Mutter:

Iduberga / Itta / Ida von Nivelles. Sie wurde um 600 (592?) im heutigen Frankreich geboren, am 8. Mai 652 verstarb sie im belgischen Nivelles. Hier hatte die Ordensfrau Iduberga ein Kloster gestiftet in der später ihre zweite Tochter Gertrud Äbtissin wurde.

 

Gertruds Vater:

Pippin der I., auch Pippin von Landen genannt. Geboren um 580. Von 624 bis 633/34 und von nach Januar 639 bis zu seinem Tode in 640 austr. Hausmeier. Dazwischen politisch entmachtet. Erst nach Dagoberts Tod im Januar 639 erlangte Pippin erneut die austrasische Hausmeierwürde, Gestorben 640.

 

Gertruds Schwester:

Begga; geb. 616; verheiratet mit Ansegisel 636; gest. 693. Sie war die Mutter von Pippin II., den Mittleren.

Ansegisel, der Mann von Begga; geb. 602/5; gest. nach 657, 685? war ein Sohn Arnulfs von Metz und Vater von Pippin II., den Mittleren.

 

Gertruds Bruder:

Grimoald I. (d. Ältere), geb. um 628; 642-662 löste Otto als Hausmeier von Austrien ab; 662 vom Adel aus Neustrien hingerichtet.

 

Nivelles:

Die sich um das Kloster Doppel-Nivelles (Südbrabant, Belgien, 25 km südlich von Brüssel) entwickelte Stadt wurde später zur „Wiege der Karolinger”.

 

 

Weitere Infos über St. Gertrud in Franken und speziell in Neustadt am Main finden Sie hier.

 

 

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