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  Ausgrabungsergebnisse 

Ausgrabungen Römerlager Marktbreit
Ausgrabungsergebnisse Römerlager Marktbreit
Das Buch vom Archäologen Dr. Thomas Völling, ist im Museum Marktbreit erhältlich
  Infos vom Archäologen Dr. Thomas Völling zum Römerlager Marktbreit aus dem Jahr 2001 

Der Text vom Archäologen Dr. Thomas Völling, aus dem Buch „Das Römerlager in Marktbreit" vom März 2001, erhältlich im Museum in Marktbreit. Und identische Informationen auf der Römertafel 2 in Marktbreit auf dem Kapellenberg.

140 km östlich des Rheins, tief in Germanien, war die Entdeckung römischer Spuren auf dem Kapellenberg bei Marktbreit eine unverhoffte, wertvolle Bereicherung für das Wissen um die Kriege, die während der Herrschaft des Kaisers Augustus (30 v. Chr. – 14 n. Chr.) geführt wurden und mit denen Rom die Eroberung Germaniens zwischen Rhein und Elbe zu erreichen versuchte (12 v. Chr. – 9 n. Chr.).

Die Anlagen von Marktbreit sind "stumme Zeugen" aus dieser Zeit, welche durch ihre Erforschung "zum Sprechen" gebracht werden und von jenen Ereignissen – zumindest in groben Zügen – erzählen. Doch bevor ihnen ihr Geheimnis entlockt werden konnte, bedurfte es eines langen Weges... Entdeckung, Prospektion und Ausgrabung Bei einer Befliegung des südlichen Maindreiecks entdeckte der Luftbildarchäologe Otto Braasch am 20. Juli 1985 auf dem Kapellenberg Spuren von zwei parallel geführten Gräben, die als Bodenverfärbungen in einigen Getreidefeldern zu erkennen waren. Der Verlauf der beiden Gräben ließ auf eine Befestigungsanlage schließen, mit welcher die landschaftsbeherrschende Hochfläche abgeriegelt werden sollte.

Solche vom Menschen verursachten Bodenveränderungen nehmen Einfluss auf Höhe und Dichte des Bewuchses und werden damit bei der Flugprospektion erkennbar. Über eingeebneten Gräben oder Gruben wachsen Getreidehalme dichter und höher, weil ihre Wurzeln hier tiefer hinabreichen. Dadurch bleibt das Getreide länger grün und hebt sich als dunkle Kontur vom übrigen Bewuchs ab – es bildet sich ein positives Bewuchs Merkmal. Nach der Entdeckung aus der Luft erfolgten 1986 erste gezielte Ausgrabungen, die von der Außenstelle Würzburg des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege durchgeführt wurden. Überraschend war das Ergebnis, denn es gelang bereits jetzt der Nachweis, dass es sich hier um eine römische Anlage aus augusteischer Zeit handeln musste. Die nachfolgenden sechs Kampagnen von 1987 bis 1992 verfolgten das Ziel, für eine historische und funktionale Einordnung des Platzes möglichst vielfältige Informationen über die Ausdehnung, die Baustrukturen und den erreichten Ausbau des Lagers zu erfahren und Einblicke in Umfang und Zusammensetzung seiner Besatzung zu gewinnen. Dies war innerhalb der vergleichsweisen kurzen Zeit allerdings nur zu erreichen, weil Flugprospektion, geophysikalische Messungen und systematische Ausgrabung erfolgreich zusammenwirkten. Während Luftbildarchäologen durch regelmäßige Befliegung den Kapellenberg weiterhin nach verdächtigen Bewuchs Merkmalen absuchten und Verfärbungen in den freigelegten Grabungsflächen dokumentierten, wurden am Boden Magnetometer Messungen durchgeführt. Bei dieser Prospektionsmethode bedient man sich des magnetischen Erdfeldes über einem heute unsichtbaren Bodendenkmal. Das Gelände wurde systematisch mit Hilfe eines mobilen Cäsium-Magnetometers abgegangen, mit dessen Hilfe auch kleine Strukturen bis zu einer Tiefe von 6 m aufgespürt werden können. Die ermittelten Messwerte werden von einem speziellen Computer aufgenommen, ausgewertet und als Digitalbild dargestellt.

Grundsätzlich gilt bei diesem Verfahren, dass humusverfüllte Gruben oder Gräben als deutlich positive magnetische Anomalien mit erhöhten Werten auffallen, während die Werte oberhalb von Mauerfundamenten dagegen stark abfallen. 30 ha der insgesamt 37 ha großen Anlage konnten auf diese Weise prospektiert werden, wobei es zu über 1,2 Millionen einzelnen Messungen kam. Die Ergebnisse dieser Magnetmessungen ergaben ein Bild vom Bebauungsstand der Anlage – dichte Spuren im Zentrum und nur wenige oder auch keine in den Randbereichen. Doch ähnlich wie beim Luftbild lässt auch die Magnetmessung nicht erkennen, wie alt eine der vielen Strukturen, die im Digitalbild sichtbar sind, tatsächlich ist. Auch hier verschaffte erst die "Öffnung" des Bodens, die Ausgrabung, Klarheit – und das nicht ohne Überraschungen. Zunächst musste man feststellen, dass seit römischer Zeit in Folge von landwirtschaftlicher Nutzung und Witterungseinflüssen durchschnittlich 80 bis 100 cm Erde vom Kapellenberg abgeschwemmt worden war (Erosion). Somit konnten nur tief in den Boden eingegrabene Strukturen erhalten bleiben, während die originale römische Oberfläche (der "Laufhorizont") und alle flachen Fundamente unwiederbringlich verschwunden sind. Zudem bestätigten die Ausgrabungen, dass – bis auf eine Ausnahme – alle archäologischen Spuren auf dem Kapellenberg Reste von inzwischen längst vergangenen Holzbauwerken waren, die sich nur mehr als Bodenverfärbungen erhalten hatten.

Weiterhin fand man zahlreiche vorgeschichtliche Spuren, die zu einer Siedlung der älteren Eisenzeit (ca. 500 v. Chr.) gehören, während in der Mitte der Fläche ein steinzeitliches Grab (ca. 2200 v. Chr.) sowie ein ovales Grabenwerk entdeckt wurde. Das Vorgängerlager Das Magnetogramm ließ im Zentrum des Kapellenberges eine polygonale Grabenstruktur erkennen, die ähnlich wie die Hauptlagerumwehrung ausgerichtet war, jedoch nur etwa 9 ha Fläche umfasste. Bei den Ausgrabungen zeigte sich, dass dieser Graben älter als die Hauptbebauung sein musste und deshalb zu einem römischen Vorgängerlager gehört hatte. Mehrphasige Baubefunde ließen sich auch im südlichen Teil des Kapellenberges außerhalb des kleinen Lagers nachweisen, wo mehrere Ofenanlagen zum Backen von Brot später von einem Magazingebäude überbaut wurden. Die extreme Fundarmut macht es allerdings unmöglich, die älteren Spuren genauer zu datieren.

Die Ortswahl römischer Lager erfolgte üblicherweise durch den Praefectus Castrorum ("Standortkommandant"). War ein geeigneter Bauplatz gefunden, wurde er für die Vermessungsarbeiten von Bäumen und Sträuchern gesäubert und unter feierlichen religiösen Opfern der zentrale Vermessungspunkt festgelegt. Dann konnte das Abstecken von Umwehrung und Innenbauten mit Hilfe von Messstangen und Schnüren beginnen, wobei durch ein Vermessungsinstrument (groma) mit drehbarem Doppelvisier und daran senkrecht herunterhängenden, von Loten beschwerten Schnüren rechte Winkel ermittelt wurden.

Für diese Arbeiten waren die agrimensores (Landvermesser) zuständig, die zuerst die beiden Hauptachsen des Lagers absteckten, den Cardo (Nord-Süd) und den Decumanus (Ost-West), und deren Verlauf mit farbigen Fähnchen markierten. Anschließend wurden die Lage der vier Tore und die Umwehrung bestimmt sowie der Raum für die zentralen Gebäude im Mittelstreifen des Lagers mit Fluchtstangen und Schnüren gekennzeichnet. Jedes römische Lager bestand aus einem vorderen Teil (praetentura), dem zentralen Mittelstreifen mit Principia und Praetorium und einem rückwärtigen Teil (retentura).

Waren die Vermessungsarbeiten abgeschlossen, begann der eigentliche Ausbau. Das 37 ha große Lager besitzt bei einer durchschnittlichen Ausdehnung von 740 auf 480 m einen Umfang von 2,3 km. Nimmt man an, dass beide Gräben vollständig rings um das Lager verliefen (was im Westen oberhalb des Maintals nicht gesichert ist), müssten nach einer überschlägigen Rechnung ca. 350.000 m3 Erde ausgehoben und nach und nach in die entstehende Holz-Erde-Mauer eingefüllt werden. Zu deren Bau waren bei einer Mauerbreite von 2,80 und einer anzunehmenden Mindesthöhe von 3 m etwa 42.000 Bohlen von je 4,5 m Länge und 20 x 20 cm Stärke notwendig. Das erforderte das Abholzen von über 21.000 Eichenstämmen mit einem Durchmesser von gut 35 cm. Wie lange eine solche Arbeit dauerte, lässt sich kaum abschätzen, weil dies von der Anzahl der eingesetzten Personen abhing. Vergleiche mit den Lagern von Oberaden an der Lippe, das von 11-7 v. Chr. bestand und einen ähnlichen Teilausbau aufweist, oder mit dem nahezu fertiggestellten Lager Inchtuthil in Schottland, das wohl im Jahre 83 n.Chr. errichtet und schon im Jahr 87 wieder aufgegeben wurde, lassen erkennen, dass auch am großen Lager von Marktbreit mindestens 3-4 Jahre gebaut wurde.

Doch ist man mit dem Ausbau keineswegs fertig geworden. Nur die Umwehrung mit Toren, der wichtige zentrale Baukomplex mit Verwaltungsgebäuden und Wohnhäusern der höchsten Offiziere, ein großes Wirtschaftsgebäude mit Trocknungsanlage und Speicherböden sowie ein erster Teil der Unteroffiziersunterkünfte war bereits fertiggestellt, als man den Standort wieder aufgab.

Die Reihenfolge der Gebäudeerrichtung ist dabei natürlich keineswegs zufällig, sondern spiegelt die Bedeutung der einzelnen Bauwerke und der sie nutzenden Personengruppen wider. Auf Grund seiner Größe von 37 ha hätten in der Anlage auf dem Kapellenberg 2 Legionen von jeweils etwa 6000 Soldaten, also insgesamt gut 12.000 Mann, genügend Platz. Und doch war wohl nicht vorgesehen, hier zwei Legionen gleichzeitig unterzubringen.

Das Zentralgebäude, die Principia, entspricht in ihrer Größe den Lagerzentren für nur eine Legion, und auch eine Verdoppelung von Praetorium (Wohngebäude des Legionskommandanten) oder Tribunen Häusern für die höchsten Offiziere ließ sich nicht beobachten. Es ist deshalb wahrscheinlicher, dass Marktbreit nicht ausschließlich ein militärisches Lager war, sondern gleichzeitig auch zivile Aufgaben eines "Zentralortes" in der neu zu errichtenden Provinz Germania übernehmen sollte.

Die Funde aus dem Lager zeigen bereits den nur unvollständigen Ausbau, dass die Anlage niemals in vollem Umfang funktionstüchtig gewesen sein kann, so lässt die extreme Fundarmut daran zweifeln, ob überhaupt jemals eine über den Bautrupp hinausgehende größere Besatzung in Marktbreit stationiert war.

Aus anderen, selbst nur kurzfristig belegten Anlagen (etwa Oberaden oder Inchtuthil) kennt man zahlreiche Keramikobjekte, Münzen, Geräte und Waffen, die meist aus Gräben oder Gruben (zunächst als "Kühlschrank" genutzt, später dann als "Mülleimer" verwendet), manchmal auch aus Brunnen stammen.

Und obwohl in Marktbreit einige solcher Gruben ausgegraben wurden, sind sie genauso fundleer wie eine Latrine im Zentralbereich – ein sicherer Hinweis, dass man sie nie benutzt hat. Das Fundmaterial lässt sich deshalb bequem überblicken.

Münzen und Grobkeramik stammen hauptsächlich aus den Grabenköpfen vor den beiden Toren, weitere Münzen und Feinkeramik wurden im Bereich der Zentralgebäude und des Wirtschaftsgebäudes gefunden. Unter der Keramik ist nur wenig Grobkeramik (Kochtöpfe, ein Krug, Reste von Öl und Weinamphoren) sowie drei Fragmente von Tafelgeschirr (terra sigillata) vertreten. Schließlich ergänzen einige wenige Metallobjekte den spärlichen Fundbestand, darunter ein Stemmbeitel für Holzarbeiten, der Schlüssellochbeschlag eines Kästchens sowie eine eiserne Gewandspange (sog. Aucissa-Fibel), wie sie vor allem von Soldaten verwendet wurde. Den einzigen Waffenfund machte man in einem Graben südlich des Südtores in Form einer 36 cm lange Lanzenspitze, die jedoch zu einem jünger kaiserzeitlichen germanischen Typus des 3./4. Jhd. n. Chr. gehört und deshalb erst nach Auflassung des Lagers in den Graben gelangen konnte. Zum Ende des römischen Lagers von Marktbreit

Es ist leicht verständlich, dass auf Basis dieser wenigen Funde eine genaue Datierung der Anlage nicht gelingen kann, denn selbst für Vergleiche mit Fundkomplexen anderer Römerlager fehlt die statistisch notwendige Mindestzahl. Deshalb ist nur eine grobe Zeiteingrenzung innerhalb der römischen Germanienkriege zwischen 9 v. Chr. und 9 n. Chr. möglich.

Als Anhaltspunkt kann zunächst gelten, dass ein mit großem Arbeitsaufwand und entsprechenden Kosten begonnener und schon relativ weit fortgeschrittener Ausbau des römischen Stützpunkts auf dem Kapellenberg unvermittelt abgebrochen wurde, was nur durch ein gänzlich unvorhergesehenes Ereignis bedingt sein kann. Andererseits deutet nichts auf einen überhasteten Abzug der hier bauenden Truppe hin, denn sonst dürfte man mehr zurückgelassenes Fundgut erwarten. Auch Hinweise auf eine kriegerische Aktion, die zur Aufgabe des Platzes gezwungen hätte, fehlen. Es hat deshalb den Anschein, als ob der Standort auf "höheren Befehl" hin aufgegeben, systematisch nach noch vorhandenen Objekten abgesucht und dann willentlich von der abziehenden Truppe abgebrannt wurde. Dies setzt eine radikal veränderte strategische Planung der römischen Führung voraus, die wohl am besten mit den Ereignissen nach der vernichtenden Niederlage des Varus im "Teutoburger Wald" im Jahre 9 n. Chr. zu verbinden ist.

Der römische Statthalter Varus wurde bekanntlich von dem Cherusker Arminius in einen Hinterhalt gelockt und mit seinen Truppen in einem mehrtägigen Gefecht von einer Koalition germanischer Stämme niedergemacht (Abb. 8). Der Ort dieser Schlacht kann inzwischen mit einiger Sicherheit bei Kalkriese in der Nähe von Osnabrück lokalisiert werden. Als unmittelbare Folge dieser Niederlage wurden die in Mainz stationierten beiden Legionen (legio XIV und legio XVI) unter ihrem Legaten Nonius Asprenas unverzüglich an den Niederrhein verlegt, um dort die Rheinfront gegen die erwarteten germanischen Angriffe zu schützen. Weil es wahrscheinlich ist, dass diese Mainzer Legionen am Ausbau Marktbreits maßgeblich beteiligt waren, könnte die Einstellung der Baumaßnahmen und die Aufgabe des Lagers mit der Abberufung der Bautruppen zusammenhängen. Vielleicht war es ihre neue Aufgabe, das verlassene Mainzer Lager zu sichern oder die zum Niederrhein abmarschierenden Kampfverbände zu unterstützen. Zudem ließ sich die Versorgung eines Truppenteils fernab vom sicheren Rhein nach Abzug der Legionen aus Mainz kaum mehr durchführen, womit ihr Verbleib in Marktbreit als zu großes Risiko empfunden wurde. Schließlich war auch nicht vorherzusehen, ob sich die Germanen am Main der Aufstandsbewegung ihrer nördlichen Stammesbrüder anschließen würden. Dennoch müssen wir uns damit zufrieden geben, dass diese Erklärung nur eine Hypothese sein kann. Schon deshalb ist es jedem Besucher selbst erlaubt, sich seine eigenen Gedanken zu den damaligen Ereignissen zu machen...

Text: Dr. Thomas Völling, Archäologe, Institut für Archäologie der Universität Würzburg

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