Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
Die angebliche Stifterin des Klosters
St. Gertrud in der Pfarrkirche von Neustadt am Main, um 1435. Knieend, Abt Nikolaus von Königsfeld.
  Gertrud von Nivelles in Franken / Neustadt am Main 

Erstellt am 05.01.2006, korrigiert am 27.03.2006 und 27.05.2008

 

 

Ein Abstrakt aus dem Bericht von Bernhard Schemmel, Sankt Gertrud in Franken, WDGB Band 30, 1968, Seite 7 - 153.

Erweitert um Zusatzinfos von Klaus Weyer.

 

 

Der Vater von Gertrud von Nivelles war Pippin I. (der Erste). Später wurde Pippin (I.) mit Pippin (III.), den Vater Karl des Großen verwechselt (Ist mir am Anfang auch oft passiert!). Und so galt die hl. Gertrud fälschlicherweise bei den Mainfranken als Karls Schwester, welcher man die Klostergründungen zu Karlburg und zu Neustadt am Main andichtete. Die Verwechslung war vorprogrammiert, denn in allen Urkunden wurde immer nur von Pippin gesprochen. Es wurde nie unterschieden zwischen Pippin I., II., oder III.

Ja man führte später ebenfalls fälschlicherweise noch eine dritte hl. Gertrud an (Gertrud von Sulzbach, um 1113/16-1146), jedoch nicht in Neustadt, welche eine Tochter des Grafen Berger von Sulzbach und zweite Gattin des Königs Konrad III. gewesen ist.

 

P. Schöffel hat dieses „Legendengewebe“ zerrissen und endgültig nachgewiesen, dass nur eine Gertrud existiert hat und das ist die hl. Gertrud von Nivelles.

 

Die allgemeine Glaubensvorstellung bez. der hl. Gertrud war in unserer Gegend seit dem 8./9. Jahrhundert bezeugt verbreitet.

  

Die der 1. Hälfte des 9. Jahrhunderts (um 850) angehörige jüngere Passio s. Kiliani

(Kilian soll um 689 in Würzburg gewesen sein) lässt Gertrud auch hierher (nach Karlburg) fliehen und ein Kloster erbauen. Sie nennt ihren Vater Pippin „König der Franken“, der Hausmeier der Merowinger war, und gab dadurch Anlass zur Verwechslung mit dem 751 wirklich König gewordenen Pippin III., dem Vater Karls des Großen.

 

Was

Wann

Wer

Passio minor sti. Kiliani

788

Veranlasst von Karl d. Großen zur Centarfeier
am 8.Juli 788 in Würzburg

Passio maior sti. Kiliani

 

um 850

 

Mönch Engelhard

 

Vita Burkardi I.

um 850

Mönch Engelhard

Vita Burkardi II.

um 1125

Abt Ekkehard von Aura, + 20. Februar 1130

 

Ein frühes Zeugnis der Verehrung Gertruds von Nivelles in Franken aus der Mitte des 9. Jahrhunderts überliefert der Mönch Rudolf von Fulda. Bei der zweiten von ihm beschriebenen Reliquienerwerbung durch Abt Hrabanus Maurus 838 werden auf dem Weg nach Fulda im Kloster Holzkirchen, „situm in provincia Waldsazi“, die Körper der hl. Januarius und Magnus zurückgelassen. An ihrer Ruhestätte wird ein besessenes Mädchen aus dem nicht weit entfernten Ort Hohhus geheilt, das zuvor die hl. Gertrud vor anderen Heiligen angerufen hatte.

Die Verehrung der hl. Gertrud muss demnach in dieser (unserer!) Gegend schon um 800 verbreitet gewesen sein!

 

Der Interpolator der Lebensbeschreibung von Gertrud, gleichfalls ein Mönch aus Nivelles im 10. Jahrhundert, erzählt, dass Gertrud, um den Werbungen eines austrasischen Herzogs auszuweichen, nach Franken entflohen sei und hier längere Zeit in dem von ihr gestifteten Frauenkonvent Karleburg am Main im Spessart ein gottgeweihtes Leben geführt habe.

 

Im 11. Jahrhundert wurde die Vita der hl. Gertrud umgestaltet und erweitert zur so genannten Vita Gertrudis tripartita. Deren erster Teil ist eine Genealogie der Karolinger von den in der ersten Vita nur genannten Angehörigen der hl. Gertrud bis zu Karl d. Gr. und den Söhnen Ludwigs des Frommen.

Bei der Erzählung von der Zurückweisung des Freiers genügen der VGt nur einige Akzentverschiebungen, um die Episode von einer Flucht der hl. Gertrud nach Ostfranken einzufügen. Im Gegensatz zur vorherigen Vita (dort billigen die Eltern den Entschluss Gertruds, und das Geschehen wendet sich erst mit dem Haarschnitt vor der Aufnahme ins Kloster wieder Gertrud zu, nachdem von Prüfungen allgemein die Rede war) zweifelt Pippin auf Eingabe des Freiers nun daran, dass seine Tochter ihren Entschluss aus göttlicher Eingebung gefasst hat, und will sie zur Heirat zwingen. Gertrud muss nach Ostfranken fliehen, als sie von ihrer Mutter nicht länger mehr verborgen werden kann. Auf die Botschaft vom Tode des Freiers kehrt sie in ihre Heimat zurück, und mit dem Ereignis des bald darauf erfolgten Todes Pippins mündet die VGt wieder in die erste Vita ein.

 

Einen Reflex der Überlieferung vom Aufenthalt der hl. Gertrud in Karlburg enthält die jüngere Vita s. Burchardi von Anfang des 12. Jahrhunderts (um 1125) bei dem sog. Imminatausch. Danach ersucht Immina, die von ihrem Vater, Herzog Heden, als Äbtissin eines von ihm erbauten „Klosters“ auf dem Marienberg über Würzburg, um den Tausch dieses Klosters gegen das Kloster in Karlburg, in dem einst die hl. Gertrud gelebt hatte. Dort starb Immina auch und wurde in der von der hl. Gertrud erbauten Kirche begraben.

 

Gertrud wurde bez. Neustadt ein zweites Mal um 1125 urkundlich erwähnt. Die Spurie DKar I 283 für das Kloster Neustadt am Main (im Tal an der „Neuen Statt“) ist auf 812 [August] datiert und wurde um 1125 erstellt. In ihr dotiert die hl. Gertrud das Kloster, sie wird als Schwester von Karl dem Großen erwähnt. Sie setzt die umliegenden Kirchen zu Erben ihres Besitzes „in Teutonicis partibus“ ein. Auf Bitten Karls bedenkt sie besonders Neustadt und übergibt dem Kloster in seiner Gegenwart über dem dortigen Marienaltar die Dörfer Steinfeld und (Wald-)Zell, alles um ihres ewigen Seelenheils willen.

 

Um 638, als sich Gertrud in Karlburg aufhielt, existierte in Rorinlacha (Neustadt) kein Kloster im Tal und auf dem Michaelsberg. Auf dem Michaelsberg befand sich jedoch höchstwahrscheinlich zu dieser Zeit schon ein Jagdschloss der karolingischen Hausmeier. Das Jagdschloss ist in der jüngeren Vita s. Burchardi und in der Chronik der Bischöfe von Würzburg, von Lorenz Fries, erwähnt. Und diese Jagdschlösser bzw. kleine karolingische Burgen, hatten auch immer eine kleine Kapelle angegliedert, denn die Christianisierung unserer Gegend erfolgte schon intensiv ab der Merowingerzeit mit Clodwig I. um das Jahr 500.

Also kann Gertrud, wenn sie in Neustadt / Rorinlacha war, nur auf dem Michaelsberg gewesen sein.

 

Im späten 12. (um 1190) oder frühen 13. Jahrhunderts lässt das Kloster Neustadt unter Verwendung von spanisch-sarazenischen Stoffen des 12. Jahrhunderts, die vom Grabe der hl. Gertrud in Nivelles kamen, eine heute noch existierenden „Mantel der hl. Gertrud“ anfertigen (in Nivelles gibt es einen ebensolchen aus dem gleichen Stoff).

Seine im 17. Jahrhundert noch vorhandene Inschrift (nach damaliger Lesung: Berbertha iussit me fieri ad honorem et decorem filiae sua Deum(!) visu merito laus assit debita nostra“) nennt als Auftragsgeberin und Mutter Gertruds -> Berbertha, die Mutter Karls des Großen (=Bertrada) und Frau von Pippin (III.).

 

Der Neustädter Prior Georg Warmuth schrieb etwa um 1630 einen Brief an den Propst Johannes Molitor von Triefenstein: „Der Gertrudentag sei schon vor 300 Jahren (um 1330) mit eigenen Lektionen im Kloster gefeiert worden.

Pfarramt Neustadt, „“Rverendo et Religioso F. Georgio Warmuth, monasterij Neustadensis Priori, Patri et Amico suo plurimum colendo“.

 

In einem Sendschreiben des Kaiser Karl IV. von 1365 an Bischof Albrecht von Hohenlohe (+1372), in dem er auf Vorstellungen seines Hofkaplans, des Neustädter Abts Gotfrid eingeht, spricht er von „Rechten, Freyheiten und Guten zu Steinfelt, zu Zell (Waldzell), und auch anderswo, die In Sanct Carl vnser Vorfahr an dem Reich, und St. Gertrud, sein Schwester geben, und sie damit gestiftet haben.

Catalogus Abbatum Monastrerij Neustatt ad Moenum, Bernhard Krieg, 1724, Seite 52f., Pfarramt Neustadt.

 

In diesem Zusammenhang gehört auch ein im 17. Jahrhunderts weitergeführtes Nekrologium.

Die ersten Einträge waren von Pater Conrad Deufel. Er hatte damals, laut P. Volk, ein Neustädter Nekrologium von 1380 als Vorlage. In dieser Vorlage wird sich wohl schon der zu Anfang des 17. Jahrhunderts rot ausgeführte Festtagseintrag zum 17. März befunden haben:

„Gertrudis virginis et sororis Caroli Magni Imperatoris.“

Das Necrologium der Benediktiner-Abtei Neustadt am Main, WDGB 6, 1938, P. Volk, Seite 21 – 39.

 

Ein als Kultbild ausgeführter Stein der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts (um 1435), früher in der Klostermauer, heute in der Pfarrkirche, beweist ihre Institutionalisierung während des Mittelalters. Er zeigt die auf einem Sockel stehende Gertrud im Klosterhabit mit Heiligenschein, ein Neustädter Kirchenmodell in den Rechten, ein Buch in den Linken, vor ihr kniend und mit betend erhobenen Händen ein Abt mit Abtstab und Wappen mit dem Text seines Gebets in gotischen Minuskeln), „ora + pro + me + sancta + gerdrudis + datatrix + huius + loci+“.

Der abgebildete Abt ist höchstwahrscheinlich Nikolaus von Königsfeld, Abt von 1432-1438, erkennbar an dem Abt-Wappen.

 

1534 wird unter Abt Conrad Lieb (Abt von 1534 – 1554) die Klosterkirche von Neustadt mit ihren Altären nach den Wirren und Zerstörungen des Bauernkriegs von Weihbischof Johannes Reutter wieder konsekriert, der Hochaltar wurde neben anderen Heiligen, darunter Karl d. Große, auch zur hl. Gertrud geweiht.

Bei der Weihe des Altars der Marienkapelle, wiederum u.a. auch zu Karl d. Großen, wird nämlich neben anderen Reliquien ein Stück vom Mantel der hl. Gertrud deponiert.

Catalogus Abbatum Monastrerij Neustatt ad Moenum, Bernhard Krieg, 1724, Seite 78 - 80, Pfarramt Neustadt.

Brevis descriptio, Conrad Lieb, 1534, Pfarramt Neustadt, UB Würzburg und FLA Wertheim.

 

Die zweimalige Verbindung von Gertrud mit Karl d. Großen lässt vermuten, dass ihre Wahl mit Rücksicht auf die Überlieferung von der Klostergründung erfolgte.

In der „Brevis descriptio“ werden auch die häufigen Gänge der Gertrud von Karlburg nach Neustadt erwähnt.

 

Ein Zeugnis der Gertrud in Neustadt enthält das Werk des Pantaleon, der 1564 auf Geheiß des Fürstbischofs Friedrich von Wirsberg (1558 – 73) Kloster Neustadt am Main besuchte. Er erwähnt Karlburg nicht, sondern teilt nur mit, dass Gertrud nicht weit von Neustadt gewohnt und beim Beten auf dem Michaelsberg Abdrücke ihrer Knie hinterlassen habe, in denen von dieser Zeit an – „ut dicunt“ – kein Gras wachse.

(Fürstbischofs Friedrich von Wirsberg ließ am 6. Juni 1558 das gesamte klösterliche Archiv nach Würzburg bringen.)

 

Zur Nachahmung des andauernden Gebets der hl. Gertrud mahnte ein an der Außenwand des Chors der Michaelskirche  auf einer Sansteinädikula von 1587 angebrachte Inschrift, mit welcher der Stifter, Julius Schultes, in frommen Sinn das Gedenken an die hier in den Boden eingedrückten Spuren der hl. Gertrud der Nachwelt bewahrte. Die Sansteinädikula befindet sich heute in der Michaelskirche, außen ist heute ein Erinnerungsstein zu sehen.

 

In einem Text aus Triefenstein von 1655 wird die Flucht Gertruds nach Franken, die Erbauung einer Kirche in Karlburg und einer Kapelle auf dem Michaelsberg, sowie die Hinterlassung von Fußspuren der Gertrud von Nivelles zugeschrieben.

 

 

Zur Gertrud-Wallfahrt von Würzburg Pleich nach Neustadt am Main

 

 

  Suchen & Sitemap 

Suchen + Sitemap
Copyright 2005-2014, Klaus Weyer
*