Neustadt am Main - Gestern und Heute
 
    
Foto Klaus Weyer, im Hintergrund Johanna Weyer
Der Erphenbrunnen, heute heißt er fälschlicherweise Ruhbrunnen, ist im gesamten Spessart und östlich davon, die älteste urkundlich erwähnte Bachquelle in der freien Natur.
  Rorinlacha - der ursprüngliche Name von Neustadt am Main 

Erstellt am 04.10.2009

 

 

Rorinlacha

 

Ein Auszug aus dem Aufsatz „Die Äbte des Klosters Neustadt am Main im Mittelalter“

Ein Artikel von Dr. Heinrich Wagner, erschienen in den Würzburger Diözesan-Geschichtsblätter, 46. Band, 1984.

Meine Kommentare (Klaus Weyer) in Grün mit Kenntnisstand von 2009.

 

Die Gründung des Klosters Neustadt am Main durch den hl. Burkhard, den ersten Bischof von Würzburg (741-754 Feb.; +755 Feb 2), die noch Abt Bernhard Krieg in seinem "Catalogus abbatum" von 1724 vertritt15, ist von der Forschung schon längst in das Reich der Fabel verwiesen worden.

 

Es ist richtig, dass das Kloster im Tal, an der „Neuen Statt“, nicht von Burkhard gegründet wurde. Es existieren jedoch viele Hinweise, dass Burkard doch vor Megingaud in Neustadt auf dem Michaelsberg war.

Hier der Link zu den Fakten, die meine These unterstützen, dass Burkard 1ter Abt im Kloster Neustadt war.

 

Und mittlerweile steht fest, dass schon vor dem Bau des großen Klosters an der „Neuen Statt“ ein kleines Kloster im Tal in Neustadt am Main an der „Alten Statt“ existierte. Es wurde 1981/82 vom BlfD ergraben.

Hier der Link zu dem Kloster mit der Saalkirche.

 

Tatsächlich wurde die Spessartabtei an der „Neuen Statt“ erst durch Burkhards Nachfolger Megingoz gegründet, nachdem dieser Anfang 769 die Leitung des Bistums Würzburg zugunsten des Klerikers Berowelf (Bischof von Würzburg 769-794) niedergelegt hatte16. Es wird inzwischen allgemein und wohl zu Recht angenommen, dass Megingoz dem mächtigen Grafengeschlecht der sog. Mattonen angehörtel7. Die in der jüngeren Lebensbeschreibung des hl. Burkhard, der Vita S. Burkardi, enthaltene Gründungsgeschichte berichtet, dass Megingoz von einem gewissen Hatto früher einen "abgeschiedenen Ort" erhalten habe ("locum secreturn a quodam Hattone sibi traditum"), der Rorinlacha, später Neustadt genannt worden sei ("qui tunc Rorinlacha, postea uero Niwenstat dictus est")18.

 

Der Mattone Megingoz (Megingaud) war vor 754, wahrscheinlich seit um 744, Abt in einer kleinen Klosterzelle in Rorinlacha, dem späteren Neustadt.

Von 754 bis Anfang 769 war er der zweite Bischof von Würzburg

und anschließend wieder Abt in Neustadt 769-783 Sep 26 (Todestag, gestorben in Neustadt am Main). Der Sarg vom Megingaud (hergestellt im Spessart) befindet sich heute in der Gruft der Neumünsterkirche.

 

]oseph Schnetz hat den Namen Rorinlacha als "mit Röhricht bewachsener Sumpf" erklärt und mit der Beschaffenheit der Gegend um das Kloster gerechtfertigtl9• Er hat damit bis heute keinen Widerspruch gefunden, doch ist diese Deutung nicht die einzig mögliche und sogar die weniger wahrscheinliche.

 

Nach allem, was wir heute darüber wissen, ist die bei weitem häufigste Form der Ortsnamenbildung die Benennung nach Personen. Es wäre also zu überlegen, ob nicht auch in "Rorinlacha" ein PN verborgen sein könnte. Der PN erscheint gewöhnlich im Genitiv, im Besitzfall, denn genau dieses Verhältnis soll ja durch den Namen bzw. die Namengebung ausgedrückt werden. Bei altdeutschen männlichen PN, die auf – o enden, wird dieser Besitzfall mit -in gebildet; die ursprüngliche Form des PNs müsste also "Roro" gelautet haben. "Roro" ist allerdings nicht ohne weiteres als PN erkennbar, da der Name in dieser Form sonst nicht vorkommt. Spricht man das intervokalische "r" aber im Rachen, so entsteht fast ein velares "ch", und es wird sehr schnell klar, um welchen PN es sich hier handelt; es ist kein anderer als "Roho" (gesprochen "Rocho"), ein Name, der allerdings häufig mit Verschlusslaut, d.h. als "Rocko" (bzw. fränkisch erweicht als "Roggo") erscheint.

 

Ein Rocco ist schon 704 in Mainfranken bezeugt. Heden II. schenkte im Jahre 704 in Würzburg, gemeinsam mit seiner Gemahlin Theodrada, die thüringische Herzogstochter, und mit Zustimmung seines Sohnes Thuring, begleitet von den mainfränkischen Großen Rocco und Doda, dem Friesenmissionar Willibrord große Besitzungen im südlichen Thüringen.

 

Um 744 wird ein Rocgo im Bonifatiusbrief 83 erwähnt. Papst Zacharias fordert darin austrische Große aus dem Rhein-Main Gebiet auf, Eigenkirchen zu gründen.

 

Dass r und ch tatsächlich austauschbar sind, wenn sie intervokalisch auftauchen, zeigt auch der zweite Teil des in Frage stehenden Ortsnamens. Das Suffix -lacha dürfte, so nahe eine solche Deutung vom rein lautlichen Standpunkt und sogar vom Charakter der Landschaft her liegt, überhaupt nichts mit "Lache", "Pfütze", "Sumpf" o. ä. zu tun haben. Dies ist lediglich eine volksetymologische Ausdeutung des von Schnetz als "Weideplatz" erklärten20, tatsächlich aber wohl als "abgegrenztes Gebiet", "eingefriedeter Bezirk" zu deutenden Ortsnamensuffixes ,,-lar(a)", das in späteren Zeiten nicht mehr verstanden wurde.

 

Auch die Frage nach der Identität des Schenkers des Klostergrundes muss hier kurz angesprochen werden. Bereits Stengel hat diesen Hatto mit einem möglicherweise im Wormsgau beheimateten, aber auch in Ostfranken nachweisbaren Grafen Hatto gleichgesetzt21. Wenn nun Bischof Megingoz von einem Hatto einen Ort Rorinlacha übertragen bekommt, dann fühlt man sich unwillkürlich an das gräfliche Brüderpaar Roggo und Hatto erinnert, die zum Verwandtschaftskreis der Äbtissin Emhilt von Milz gehören22. Die besitzmäßige Präsenz dieses Brüderpaares in Franken beschränkte sich aber wahrscheinlich nicht auf den Norden, denn südlich von Würzburg auf der Gemarkung der Gemeinde Reichenberg liegen auf engstem Raum die Wüstungen "Rockenstat" und "Hattenhuson"23. An einen Zufall zu glauben, will hier schwer fallen. Der Verwandtschaftskreis um die Äbtissin Emhilt ist freilich ein zu umfangreiches und zu kompliziertes Thema, um hier näher erörtert zu werden.

 

Dass Hatto und Roggo Brüder waren, ist sehr unwahrscheinlich. Roggo wurde 704 und 744 urkundlich erwähnt, Hatto erscheint 754 (nicht sicher belegt), 767 und 779.

 

Ob ein Graf Hatto im Wormsgau schon 754 erwähnt wurde, es nicht mit Sicherheit belegbar.

 

Am 29. Juni 767 wird ein Graf Hatto urkundlich sichtbar. Radulfus schenkt dem Kloster Lorsch Besitztümer, Graf Hatto unterschreibt die Handlung als erster Zeuge.

 

Ein Hatto ist 779 in der Würzburger Grenzbeschreibung 1 erwähnt. Hatto ist in der Zeugenreihe 2 aufgelistet.

 

Es sei an dieser Stelle aber darauf hingewiesen, dass ein Graf Erpho, der ebenfalls diesem Kreis zugerechnet wird, offenbar auch Verbindungen zu der Gegend um Neustadt hatte. In der Markbeschreibung des Klosters Neustadt, die sicher aus karolingischer Zeit stammt, finden sich u. a. die Flurnamen "Erphenbrunnen" und "Erphenbuch"24. Dagegen weist der Name der Wüstung Mattenstat (PN Matto) gegenüber von Hafenlohr25 auf Besitz der Mattonen in der Nähe des späteren Klosters Neustadt hin. Mit anderen Worten: Die Schenkung des Ortes Rorinlacha an Bischof Megingoz könnte sehr wohl auf verwandtschaftliche Bindungen zurückgehen, d. h. es könnte sich hier um die erste Gründung eines Männerklosters durch die Mattonen handeln. Wie eng allerdings die Verwandtschaft der Mattonen mit dem Kreis um die Brüder Roggo und Hatto gewesen ist, ist nicht Gegenstand dieser Untersuchung und mag vorläufig dahingestellt bleiben.

 

 

 

15 Bernhard Krieg, Catalogus Venerabilium Dominorum Abbatum Monasterij Neustatt ad Moenum ... 1724 (Manuskript im PfarrA Neustadt; vgl. Anm. 7) 2 (künftig als »Catalogus" zitiert).

16 Vgl. Alfred Wendehorst, Das Bistum Würzburg (Germania Sacra NF 1) Berlin 1962, 2Sf. (zit. Wendehorst 1).

17 Ebd. 26.

18 Bendel 44 bzw. 44f.; über das Verhältnis Rorinlacha-Neustadt informiert nach dem neuesten Stand der Ausgrabungen W. Janssen/Ludwig Wamser, Neue Ausgrabungen auf dem Michelsberg und in der Klosterkirche ... (Das Archäol. Jahr in Bayern) Stuttgart 1982, 135-139.

19 Joseph Schnetz, Ältere Geschichte von Neustadt am Main, 1. Teil (mehr nicht erschienen) Würzburg 0.]. (1914) 9 m. Anm. 2.

20 Joseph Schnetz, Das Lar-Problem ... , Würzburg 1913 und ders., Das Lar-Problem (Zs. f. Ortsnamenforschung 13) 1937, 110-121.

21 Edmund Ernst StengeI, Das gefälschte Gründungsprivileg Karls des Großen für das Spessartkloster Neustadt am Main (MIOG 58) 1950, 1-30; 10 f. m. Anm. 57-59.

22 Edmund Ernst Stengel, Urkundenbuch des Klosters Fulda Bd. 1 (Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck 10/1) Marburg 1958, 203ff. n. 145 a. b. Zum zeitlichen Ansatz vgl. nunmehr Eckhard Freise, Studien zum Einzugsbereich der Klostergemeinschaft von Fulda (FW 2.3) 1143 ff.; bes. 1146.

2l Stephan Ankenbrand, Die Ortsnamen des Landkreises Würzburg (Mainfränkische Heimatkunde 6) Würzburg 1952, 46 bzw. 112 f. (Roggunstath 849 (?) Feb 12: DLdD 53 (Kopie 12. Jh.); Rockenstat 1060 Juni 22: DH N 66 (Or.); ebd. Hattenhuson).

24 Stenge!, Gründungsprivileg 29.

25 Wilhelm Störmer, Marktheidenfeld (HAB Teil Franken H. 10) München 1962, 86f. u. ö. 26 FW 1 273.

 

 

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